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Hebammenversorgung in Nordrhein-Westfalen

12.2021
Autorin Violetta Brauksiepe, B.Sc. Hebammenwissenschaften, Hebamme aus Essen

Optimal versorgt?
Die gesetzliche Verankerung ermöglicht es Hebammen in Deutschland, von der Familienplanung bis zum Ende der Stillzeit tätig zu werden. Bis 2015 existierten kaum gesicherte Daten, ob und in welcher Form Frauen ihr gesetzlich zugesichertes Recht auf Hebammenhilfe in Anspruch nehmen. Im Jahr 2015 empfahl der interdisziplinär besetzte Runde Tisch Geburtshilfe NRW, sich dieser Problematik zu widmen.
In Deutschland werden pro Jahr mit steigender Tendenz 730.000 Kinder geboren, ca. 170.000 davon in Nordrhein-Westfalen. NRW bietet aufgrund seiner Merkmale (Flächenland, städtische und ländliche Regionen, Ballungsgebiete) und der hohen Anzahl an Geburten und berufstätigen Hebammen die Möglichkeit, Referenzwerte für ganz Deutschland zu präsentieren.
In der quantitativen Querschnittsstudie HebAB.NRW wird die Empfehlung umgesetzt. Die geburtshilfliche Versorgung durch Hebammen wird aus Sicht der Frauen und aus Sicht der Hebammen dargestellt. In zwei Teilprojekten wurden Mütter (1.783) und Hebammen (1.924) zu den Versorgungsleistungen durch Hebammen befragt.
Ziel des Projektes: Anzahl der arbeitenden Hebammen, Tätigkeitsfelder im klinischen und außerklinischen Bereich, Inanspruchnahme von Hebammenleistungen sowie die Deckung des Leistungsbedarfs und deren Einflussfaktoren zu ermitteln.

Es wird deutlich …
67,2 % der Frauen nahmen eine individuelle Betreuung durch eine Hebamme in der Schwangerschaft in Anspruch, 32,5 % die Schwangerenvorsorge bei einer Hebamme. Versorgungsengpässe zeigten sich bei 6,8 % der Frauen, die keine Hebamme für die Betreuung in der Schwangerschaft fanden, und bei 3,2 % der Frauen, die keine Wochenbettbetreuung fanden. Durchschnittlich riefen die Frauen vier Hebammen an, um eine ambulante Betreuung zu erhalten, 7,8 % der Frauen riefen mehr als zehn Hebammen an. 78,3 % der Frauen gaben an, die Hebamme habe im Kreißsaal genug Zeit für sie gehabt. 14,5 % der Frauen hätten sich mehr Betreuung während der Geburt gewünscht. Eine individuelle Geburtsbegleitung wünschten sich 21,9 % der Frauen, sie konnten aber keine Beleghebamme finden.
Die Befragung der Hebammen zeigte, dass 1.715 Hebammen in der direkten Versorgung tätig sind. 35,6 % arbeiten klinisch sowie außerklinisch, 38,3 % ausschließlich außerklinisch und 24,4 % ausschließlich klinisch. Die außerklinisch tätigen Hebammen bieten mehrheitlich aufsuchende Wochenbettbetreuung an (95,3 %). Die Grenzen der Versorgungskapazität werden auch hier deutlich. Zwei Drittel der Hebammen sind für sechs Monate im Voraus ausgebucht, mehrmals pro Woche können sie Betreuungsanfragen aufgrund fehlender Kapazitäten nicht erfüllen. Ein hoher Anteil an klinisch tätigen Hebammen gab an, dass sie im Vormonat eine Gefahren- bzw. Überlastungsanzeige geschrieben hätten (43,1 %) oder eine hätten schreiben können (58,2 %). Jede vierte Hebamme im klinischen Setting arbeitet in einem Kreißsaal, der im Vormonat vorübergehend geschlossen werden musste.

Handlungsbedarf?
Die Auswertungen zeigen deutlich, dass Hebammen an ihren Belastungs- und Kapazitätsgrenzen arbeiten. Hebammen müssen entlastet werden, mögliche Ansätze können sein, das klinische Setting bedürfnisorientiert zu gestalten sowie die Anzahl der berufstätigen Hebammen zu erweitern (Erweiterung der Studienplatzangebote!). Eine massive Arbeitsbelastung im Kreißsaal nimmt nicht nur Einfluss auf die Gesundheit der Hebamme, sondern auch auf ungeborene Kinder und werdende Mütter, welche unter Wehen aufgrund von Hebammen- oder Platzmangel im Kreißsaal oder gar aufgrund von geschlossenen Kreißsälen abgewiesen wurden.
Hebammenhilfe leistet eine wichtige und prägende Versorgung von Frauen, Schwangeren, Kindern und Familien. Ihre Unterstützung im Betreuungsbogen nimmt Einfluss auf die Gesundheit von Mutter und Kind. Somit muss eine optimale Betreuung von Frauen in der reproduktiven Lebensphase durch eine Hebamme gesichert sein. Es besteht dringender Handlungsbedarf, wenn Frauen ihr Recht auf Hebammenbetreuung nicht wahrnehmen können, weil es schlichtweg keine Hebamme gibt.

Referenz:
Bauer NH, Villmar A, Peters M & Schäfers R (2020). HebAB.NRW – Forschungsprojekt „Geburtshilfliche Versorgung durch Hebammen in Nordrhein-Westfalen“. Abschlussbericht der Teilprojekte Mütterbefragung und Hebammenbefragung. Hochschule für Gesundheit Bochum.