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Schützt Stillen vor Zöliakie und Typ-1 Diabetes?

07.2017
Autor Dr. J. Hower, Pädiater

Die Zöliakie ist eine über T-Zellen vermittelte systemische Auto-Immunerkrankung, die bei genetisch empfänglichen Trägern des Leukozyten-Antigens eine Gluten-Unverträglichkeit im Dünndarm auslösen kann.

Gluten ist in der äußeren Schicht von Cerealien wie Weizen, Roggen, Gerste und Hafer in unterschiedlichen Mengen enthalten. Etwa 1 bis 3 % der Bevölkerung sind von dieser Erkrankung betroffen. Die Erkrankung kann sich über eine Malabsorption, Gewichtsverlust mit Diarrhö, Müdigkeit, Eisenmangel oder eine Osteoporose bemerkbar machen. Mit einer glutenfreien Diät verschwinden die klinischen Symptome und die Zottenatrophie des Dünndarms bildet sich zurück.

Auch der Typ-1-Diabetes (T1D) ist eine über T-Zellen vermittelte Auto-Immunerkrankung, die zur Zerstörung der Insulin-produzierenden ß-Zellen der Bauchspeicheldrüse führt. Der dadurch entstehende Insulinmangel bewirkt eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Dies kann zu einer lebensbedrohenden Stoffwechselstörung führen (Hyperglykämie, Keta-Azidose). Die Langzeitfolgen des T1D sind vor allem Gefäßerkrankungen. 

Die Inzidenz der Zöliakie und des T1D nimmt zu, wobei eine Überlappung beider Erkrankungen von etwa 6 % beobachtet wird.

Lassen sich beide Erkrankungen eventuell über die Säuglingsernährung, z.B. eine längere Brustfütterung, beeinflussen? Hierzu haben die Autoren eine Literaturanalyse durchgeführt.

Die Ergebnisse der Europäischen „Prevent-CD-Studie“ (CD engl.: celiac disease) zeigen, dass Brustfütterung oder Flaschenfütterung keinen signifikanten Einfluss auf die Entstehung einer Zöliakie besitzen. Die Ergebnisse werden durch eine italienische Studie bestätigt, die auch keinen Unterschied hinsichtlich Brustfütterung und Dauer der Brustfütterung zwischen Erkrankten und Nicht-Erkrankten nachweisen konnten.

Die nächste Frage, die über die Literatur geklärt werden musste, war, inwieweit der Zeitpunkt der Einführung glutenhaltiger Nahrung für die Krankheitsentstehung relevant ist. Auch hier konnte in mehreren Studien weder ein Einfluss des Zeitpunktes noch der Dosis einer Gluten-Exposition auf die Krankheitsentstehung nachgewiesen werden. Nur die genetische Bereitschaft spielte hierfür eine Rolle.

Schützt Stillen vor T1D?
In mehreren älteren epidemiologischen Studien konnte ein protektiver Effekt der Brustfütterung auf die Entstehung des T1D nachgewiesen werden. Die sich daraus ergebende Annahme, dass die frühe Einführung von Kuhmilch in die Säuglingsernährung das T1D-Risiko erhöht, konnte in späteren prospektiven Studien nicht mehr bestätigt werden. Follow-up-Daten der prospektiven „Diabetes-Autoimmun-Studie“ haben aber gezeigt, dass die frühe Einführung glutenhaltiger Nahrung (Gerste) das Risiko für den T1D bei gestillten Kindern senkt, was weiterer Bestätigung bedarf. Formula-Milchen oder Formula-Hydrolysate haben nach dem Abstillen keinen Einfluss auf das T1D-Risiko gezeigt.

Fazit: Die Autoren schließen aus ihrer aktuellen Literaturübersicht, dass sich bisher kein gesicherter schützender Einfluss des Stillens auf das Zöliakie- und T1D-Diabetesrisiko nachweisen lässt. Der T1D und die Zöliakie teilen sich gemeinsame genetische Risiken, was das Risiko für die Entstehung beider Erkrankungen hauptsächlich zu bestimmen scheint.

Referenz:
Meijer, CR et al. Does Infant Feeding Modulate the Manifestation of Celiac Disease and Type 1 Diabetes? Curr Opin Clin Nutr Metab Care 2017 May; 20(3): 222-226