Lieber Besucher, diese Webseite richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.

Ich gehöre einer medizinischen Berufsgruppe an

Nein

Menü

Mundhygiene im ersten Lebensjahr

12.2022
Autorin Alexandra Lesmann, Hebamme und Ökotrophologin aus Hamburg

Noch immer erreicht fast jedes fünfte Kind in Deutschland das empfohlene Maß an Mundhygienemaßnahmen nicht. Neben dem wohl bekanntesten Rat, auf Süßigkeiten zu verzichten, gibt es einige vielleicht sogar überraschende Empfehlungen für gesunde Kinderzähne. Milchzähne sind teilweise bereits bei Geburt im Kiefer vollständig angelegt. Die vorbeugende Mundraumpflege sollte daher vor dem 1. Zahn beginnen. 

Karies beginnt mit der Verstoffwechselung im Mund von über die Nahrung aufgenommenem Zucker durch Laktobakterien, insbesondere durch den Leitorganismus Streptococcus mutans. Säure, ein dabei entstehendes Abbauprodukt, senkt den pH-Wert am Zahn. Es kommt zum Herauslösen von Mineralstoffen aus dem Zahnschmelz. Er wird demineralisiert. Regelmäßiger Zuckerkonsum führt zur dauerhaften Zerstörung der Zahnoberfläche und letztlich zur Kavität, dem Loch im Zahn. 

Wichtig: Neugeborene haben diese Kariesbakterien noch nicht. Sie werden meist über den Speichel der Eltern, z. B. beim Ablecken des Schnullers, infiziert. Zahnmediziner empfehlen Eltern daher dringend, auf Mundhygiene zu achten und kariöse Zähne spätestens in der Schwangerschaft behandeln zu lassen.

Bei einer gesunden Kost mit ausreichend großen Zeitintervallen zwischen Mahlzeiten, Snacks und kalorischen Getränken wird der Zahnschmelz über den Speichel mineralisiert. Der pH-Wert normalisiert sich nach der letzten Kalorienzufuhr innerhalb von ca. 30 Minuten, sodass der angegriffene Zahnschmelz wieder aufgebaut werden kann. Empfohlen werden maximal drei Mahlzeiten und zwei Snackzeiten pro Tag.

Auch auf das sogenannte „Dauernuckeln“ aus Babyflaschen sollte verzichtet werden. Zeitlich andauerndes Trinken umspült die Zähne, verhindert die natürliche Mineralisierung durch den Speichel und erhöht das Risiko, an Karies zu erkranken, erheblich. Leider gilt dies auch für das Fläschchen zur Nacht, das viele Familien als Einschlafhilfe für ihr Baby nutzen. 

In die Babyflasche sollte lediglich Wasser gefüllt werden. Auch mit Honig gesüßte Getränke oder Saftschorlen gehören nicht in die Flasche. Nur zu den Mahlzeiten sollte Milch eingefüllt werden. 

Klare Rituale sind dabei empfehlenswert. Hat das Kind Hunger oder Durst, sollte es z. B. an den Tisch gesetzt werden und nicht im Laufen oder beim Spielen trinken oder essen. Mit Einführung der Beikost, ca. im 6. Lebensmonat, sollten Eltern von der Flasche auf einen normalen Trinkbecher umsteigen.

Die Kost sollte möglichst zuckerarm, besser zuckerfrei sein. Nach weichen, sehr zuckerhaltigen Nahrungsmitteln, die an den Zähnen kleben können, etwa sehr reife Bananen oder püriertes Obst sollten die Zähne geputzt werden. Dies gilt auch für sehr zuckerreiches Obst, wie z. B. sehr reife Mangos, Weintrauben (auch Rosinen) oder Datteln. Auch andere Beikost wie Brei sollte insgesamt zuckerarm sein und nicht nachgesüßt werden. 

Obwohl zahnmedizinische Studien nicht davon ausgehen, dass die für die kindliche Entwicklung so wichtige Muttermilch die Kariesbildung fördert, sollte auch zu häufiges Stillen vermieden werden. Durch die Saugbewegung werden die Zähne nicht mit mineralstoffhaltigem Speichel umspült, sodass zum einen die Demineralisierung durch Plaquebakterien begünstigt und zum andern die Mineralisierung der angegriffenen Zähne verhindert wird. 

Kinder sollten bereits ab dem ersten Zahn mindestens 1-mal täglich die Zähne mit einer weichen Babyzahnbürste geputzt bekommen. Es empfiehlt sich sogar, noch früher mit der Massage der Kauleisten zu beginnen, um die Kinder an dieses wichtige Ritual zu gewöhnen. Zahnmediziner empfehlen zudem die Nutzung fluoridhaltiger Kinderzahnpasta.

Fazit:

In der Hebammenpraxis zeigt sich häufig, dass viele Familien über die frühkindliche Mundhygiene nicht ausreichend informiert sind. Insbesondere der möglichst frühe Start, bevor die ersten Zähne durchkommen, sowie die Gefahren durch häufiges Snacken und gerade Trinken überraschen junge Eltern immer wieder. Durch eine klare Aufklärung und den Hinweis auf die im Prinzip einfachen, allenfalls unbequemen Maßnahmen wie das Verhindern des „Dauernuckelns“ und das Etablieren gesunder, sehr zuckerarmer Snacks können einen relevanten Unterschied machen. Nur so können für kleine Kinder oft qualvolle, meist nur unter Vollnarkose erfolgende zahnärztliche Eingriffe verhindert und der Grundstein für eine ausgezeichnete Zahngesundheit gelegt werden.

Referenz
Robert Koch-Institut (RKI), Mundgesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Journal of Health Monitoring, 2018; 4:1–21.
Hertwig, J., Mundhygiene und Mundgesundheit, Die Hebamme, 2019; 32:66–73.
American Academy of Pediatric Dentistry (AAPD), Policy on Early Childhood Caries (ECC): Classification, Consequences and Preventive Strategies, Oral Health Policies, Reference Manual 2021; 1:82–84 und 2008; 31:40–43.