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HA-Nahrungen als generelle Anfangsnahrung?

07.2016
Autor Dr. J. Hower, Pädiater

In der kinderärztlichen Praxis fällt auf, dass viele Kinder aus den Geburtskliniken mit einer Empfehlung für hypoallergene (HA-) Nahrungen entlassen werden. Weltweit werden HA-Milchen zur Prävention atopischer Erkrankungen und zur Behandlung von Säuglingen mit funktionellen gastrointestinalen Beschwerden eingesetzt.

Fragestellung: Da eine Prävention immer einer Behandlung vorgezogen werden sollte, sind die Autoren der Frage nachgegangen, ob nicht alle nicht gestillten Kinder eine HA-Nahrung zur Vermeidung atopischer Erkrankungen erhalten sollten. Bevor eine solche Empfehlung ausgesprochen werden kann, muss die kurzfristige und langfristige Sicherheit der Nahrung im Vergleich zu den intaktes Protein enthaltenden Kuh-Milch-Formula (KMF) gewährleistet sein.

Zu diesem Zweck haben die Autoren bis Dezember 2014 PubMed und die Cochrane Datenbasen nach relevanten Publikationen durchsucht.

Die Expertengruppe schließt aus den ausgewerteten Studien:

  • Vom regulatorischen Standpunkt erfüllen auch die HA-Milchen die Kriterien der KMF-Milchen.
  • Das Ausmaß der enzymatischen Milcheiweiß-Spaltung (partiell oder extensiv) kann variiert werden. Die industrielle Hydrolyse unterscheidet sich von der natürlichen Spaltung der Milchproteine im Darm, was möglicherweise zu einer veränderten Bioaktivität führt.
  • Daten, die HA-Nahrungen und KMFs vergleichen, gibt es kaum. Randomisierte Studien mit ausreichender Stärke und einem längeren Follow-up fehlen ganz.
  • Es bestehen theoretische Bedenken, dass die Absorption und die Verwertbarkeit partiell hydrolysierter Proteine im Vergleich zu intakten Proteinen geringer sind. Die gegenwärtige Datenlage reicht aber nicht aus, um nachzuweisen, dass ein Unterschied in der Verdauung und Absorption zwischen HA-Nahrungen und KMFs oder Brustmilch besteht.
  • Klinisch bestehen keine wesentlichen Unterschiede zwischen KMFs und HA-Nahrung. Säuglinge, die HA-Nahrungen erhalten, trinken weniger bei gleicher Gewichtszunahme. Die Magenentleerungs- und Defäkationshäufigkeit scheinen höher zu sein als bei KMF.

Insgesamt konnten nur begrenzt Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit bei gesunden Neugeborenen gefunden werden. Zu möglichen langfristigen immunologischen, metabolischen und hormonellen Einflüssen liegen keine Untersuchungen vor. Diese wären die Voraussetzung für eine allgemeine Empfehlung von HA-Nahrungen.

Referenz:
Vandenplas, Y et al. Should Partial Hydrolysates Be Used as Starter Infant Formula? A Working Group Consensus. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2016 Jan, 62(1): 22-35

Kommentar: Die Hydrolysierung der Kuhmilch wird unter der Vorstellung durchgeführt, dass kleinere Kuhmilchproteine eine geringere Antigenität und damit vielleicht ein geringeres Atopie-Risiko besitzen. Noch scheint es aber zu früh zu sein, HA-Nahrungen als allgemeine Anfangsnahrung zu empfehlen. Es mag auch fraglich sein, ob es jemals dazu kommen wird. Die US Food and Drug Administration (FDA) hat in einem Evidenz-basierten Review den Health-Claim für eine auf 100 % Molkeprotein basierende, teilweise hydrolysierte Formula-Nahrung im Hinblick auf ein geringeres Atopie-Risiko untersucht:

  • Es gibt kaum gesicherte Daten, die einen Zusammenhang zwischen HA-Nahrungen und einem Atopie-Risiko erkennen lassen.
  • Die FDA fordert einen Warnaufdruck, der Eltern darauf aufmerksam macht, dass partiell hydrolysierte und extensiv hydrolysierte Formula-Milchen nicht unbedingt hypoallergen sind.
  • Auch extensiv hydrolysierte Milchen sollten bei Kindern mit einer Kuhmilchallergie im Haut-Pricktest auf ihre Allergenität getestet werden, bevor sie Kindern mit Kuhmilchallergien verabreicht werden.

Fazit: Neue Ergebnisse (z. B. Peanut Study) haben die Frage aufgeworfen, ob die frühe Allergen-Elimination überhaupt eine sinnvolle Präventionsstrategie zur Vermeidung von späteren Allergien ist. Vieles spricht dafür, dass dies nicht so ist. Beweise stehen aber noch aus.
So lange gelten die Empfehlungen der S3-Leitlinie zur Allergieprävention, bei Allergierisiko eine HA-Nahrung zu geben. Besteht dieses Risiko nicht, ist die Gabe einer normalen Pre-Nahrung angezeigt.

Referenzen:
Chung, CS et al. FDA´s Health Claim Review: whey protein partially hydrolyzed infant formula and atopic dermatitis. Pediatrics 2012, 130: e408-14
Chauveau, A et al. Immediate hypersensitivity to extensively hydrolyzed formulas: an important reminder. Pediatr Allergy Immunol 2016 Februar 26 (epub ahead of print)
Du Toit, G et al. Randomized trial of peanut consumption in infants at risk for peanut allergy. N Engl J Med 2015, 372: 803-13