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Vitamin D: Determinanten für eine ausreichende Versorgung

01.2017
Autor Dr. Jürgen Hower, Pädiater

Versorgung in Europa

Eine europaweiten Studie ermittelte, dass etwa 13 % der untersuchten Bevölkerung (55.844) im Jahresdurchschnitt unter einem Serum-25-Hydroxy-Vitamin-D-Mangel (S-25(OH)D) von <30 nmol/l (12 ng/ml) leiden, unabhängig von ihrer Ethnie, ihrer Altersgruppe und dem Breitengrad ihres Wohnortes. Bei einem leicht geänderten, aber überwiegend bei 50 nmol/l (20 ng/ml) akzeptierten Grenzwert für einen Vitamin-D-Mangel steigt die Prävalenz auf 40 % an.  Dunkelhäutige Menschen, die für die Vitamin-D-Synthese in der Haut mehr Licht benötigen, zeigen eine höhere Prävalenz für einen Vitamin-D-Mangel als Menschen mit heller Haut.

Versorgung bei finnischen Kindern

Finnische Autoren haben in einer aktuellen Untersuchung die Vitamin-D-Aufnahme über den S-25(OH)D-Spiegel und die Determinanten und Risikofaktoren für einen Spiegel von < 50 nmol/l (< 20 ng/ml) an 184 Mädchen und 190 Jungen im Alter zwischen 6 und 8 Jahren untersucht. Ergänzend wurden die Qualität der Nahrung und weitere Lebensstilfaktoren über 4 Tage mithilfe von Fragebögen ermittelt.

Die mittlere Aufnahme von Vitamin D über die Nahrung betrug 5,9 (SD2,1) µg pro Tag. Von den insgesamt knapp 400 untersuchten Kindern nahmen 82 % nicht die empfohlene Vitamin-D-Menge von 10 µg pro Tag auf. Insgesamt 41 % nahmen keine Nahrungssupplemente ein. Mit Vitamin D angereicherte Milch war die wichtigste Quelle für Vitamin D und deckte 49 % der täglichen Aufnahme ab. Bei 20 % der Kinder, die täglich ≥450 g Milch tranken, lag der S-25(OH)D-Spiegel bei < 50 nmol/l. Kinder, die täglich ≥2,3 Stunden körperlich aktiv und täglich ≥13 Stunden dem Tageslicht ausgesetzt waren oder im Herbst untersucht worden waren, wiesen ein geringeres Risiko für einen S-25(OH)D-Spiegel <50 nmol/l auf.

Die Autoren empfehlen, einer ausreichenden Vitamin-D-Aufnahme über die Nahrung und über Supplemente bei Kindern größere Aufmerksamkeit zu schenken

Soininen, S et al. Determinants of serum 25-hydroxyvitamin D concentration in Finnish children: the Physical Activity and Nutrition in Children (PANIC) Study. Br J Nutr 2016 Mar 28; 115(6): 1080-91. Epub 2016 Feb 3
Cashman, KD et al. Vitamin D deficiency in Europe: pandemic? Am J Clin Nutr 2016 Apr; 103(4): 1033-44

Kommentar:

Bedeutung von Vitamin D

Vitamin D spielt als Hormon/Vitamin eine wichtige Rolle für die Kinder- und Erwachsenengesundheit. Sie geht weit über die Bedeutung für die Knochen-Homöostase, die Gesundheit von Knochen und Zähnen, hinaus. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass dieses pluripotente Hormon in seiner aktivierten Form 1α,25(OH)2D3 etwa ≥ 36 Zelltypen über Vitamin-D-Zellrezeptoren beeinflusst.

Aktuelle Entwicklung

Die zunehmende Kenntnis der Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung im Kindes- und Jugendalter hat zur Wahrnehmung subklinischer Mangelzustände mit noch unklaren langfristigen Folgen beigetragen.

Obwohl der Vitamin-D-Status weiter Bevölkerungsgruppen im europäischen Raum in vielen Studien untersucht wurde und das Vitamin-D-Mangelrisiko bekannt ist, hat sich nicht viel geändert. Dies wird für Finnland mit der aktuellen Studie von Soininen et al. erneut dokumentiert, obwohl in Finnland eine durchgehende Vitamin-D-Supplementierung für Säuglinge und Kinder bis zu 2 Jahren in Höhe von 10 µg pro Tag und für Kinder und Jugendliche bis zu 17 Jahren von 7,5 µg pro Tag zur Nahrungsergänzung empfohlen wird.

Dort, wo die Anreicherung der Kuhmilch mit Vitamin D gesetzlich verordnet wurde, scheint zumindest bei den Kindern, die eine ausreichende Milchmenge zu sich nehmen, das Vitamin-D-Mangelrisiko begrenzt zu sein. Dies wird unter anderem durch eine kanadische, eine irische und eine eigene Untersuchung bestätigt.

Situation in Deutschland

In Deutschland ist eine allgemeine Milchanreicherung mit Vitamin D nicht vorgesehen. Hier konnte allerdings zwischenzeitlich mit einer mit Vitamin D angereicherten Kindermilch (2,85 µg/100 ml) für Kinder im Alter zwischen 2 und 6 Jahren nachgewiesen werden, dass der winterliche Vitamin-D-Abfall durch den Konsum angereicherter Milch abgefangen werden kann. Die mittlere Studienmilchaufnahme betrug 7,1 µg pro Tag, was der in Finnland empfohlenen, ganzjährigen Supplementaufnahme für diese Altersgruppe fast entspricht. Die mittlere, über die Nahrung aufgenommene Vitaminmenge war in der Interventions- und Kontrollgruppe mit 1,9 µg pro Tag gleich.

Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung kann derzeit bei deutschen Schulkindern, die nur zwischen 1,4 und 1,9 µg pro Tag über die Nahrung aufnehmen, ohne Supplemente oder angereicherte Nahrungsmittel beim gegebenen Lebensstil nicht gesichert werden. Dies zeigen auch die Ergebnisse einer sechsjährigen, noch nicht veröffentlichten Praxisstudie für Mülheim an der Ruhr (51° N).

Ab wann besteht eine Mangel-Versorgung?

Über den Vitamin-D-Mangel existieren unterschiedliche Auffassungen. Weisen Serum-25(OH)D-Werte unter 20 ng/ml (50 nmol/l) oder bereits unter 30 ng/ml (75 nmol/l) auf einen relevanten Vitamin-D-Mangel hin? Im Rahmen von 675 Beckenkammbiopsien über alle Altersgruppen konnten Priemel et al. zeigen, dass Defizite bei der Knochenmineralisierung bereits bei Werten < 30 ng/ml (75 nmol/l) beobachtet werden können. Es mag deshalb sinnvoll sein, sich an Serum-Vitamin-D-Werten über 30 ng/ml zu orientieren.

Vitamin D-Supplementierung

Die Studienergebnisse zeigen den Nutzen der Vitamin-D-Supplementierung auf. Vitamin-D-Supplemente müssen nicht als Tabletten oder Tropfen verabreicht werden, sondern können auch über eine mit Vitamin D angereicherte Milch aufgenommen werden. Damit kann bei den meisten Kindern und Jugendlichen ein Vitamin-D-Mangel erfolgreich verhindert werden.

Referenzen:
Soininen, S et al. Determinants of serum 25-hydroxyvitamin D concentration in Finnish children: the Physical Activity and Nutrition in Children (PANIC) study. Br J Nutr 2016 Mar 28; 115(6): 1080-91. Epub 2016 Feb 3
Norman, AW. A vitamin D nutritional cornucopia: new insights concerning the serum 25-hydroxyvitamin D status of the US population. Am J Clin Nutr 2008 Dec; 88(6): 1455-6
Hennessy, A et al. The role of fortified foods and nutritional supplements in increasing vitamin D intake in Irish preschool children. Eur J Nutr 2016 Feb 19 (epub ahead of print)
National Nutrition Council. Finnish Nutrition Recommendations 2014. Recommendations of the National Council for the Dietary Intake of Vitamin D and the Use of Vitamin D Supplements. http//www.ravitsemusneuvottelukunta.fi/portal/en/announcements+and+comments. Download 31.07.16
Lee, GJ et al. Consumption of non-cow’s milk beverages and serum vitamin D level in early childhood. CMAJ 2014 Nov 18; 186(17): 1287-93
Hower, J et al. Vitamin D fortification of growing up milk prevents decrease of serum 25-hydroxyvitamin D concentrations during winter: a clinical intervention study in Germany. Eur J Pediatr 2013 Dec; 172(12): 1597-605
Priemel, M et al. Bone mineralization defects and vitamin D deficiency: histomorphic analysis of iliac crest bone biopsies and circulating 25-hydroxyvitamin D in 675 patients. J Bone Miner Res 2010 Feb; 25(2): 305-12