Menü

Eine korrekte Altersbestimmung von Asyl-Suchenden durch Feststellung der Skelett- und/oder Zahnentwicklung ist nicht möglich

07.2019
Autor Prof. E. Harms, Universitäts-Kinderklinik Münster

Eine Altersbestimmung von Asyl-Suchenden durch Feststellung von Skelett- und/oder Zahnentwicklung ist so unsicher, dass man sich an derartigen Untersuchungen nicht beteiligen sollte.
Die Entwicklung des Skeletts und des Zahnstatus wurde über Jahrzehnte als hilfreiche Methode zur Bestimmung des Verlaufs von Wachstum und Pubertät entwickelt. Mit der Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten und Afrika kamen auch viele junge Menschen ohne Papiere nach Europa. Die Behörden haben das eigentliche Ziel der Bestimmung der Skelett- und Zahnentwicklung einfach umgedreht und versucht, diese Methoden nun zur Altersbestimmung zu benutzen. Darf man das?

Zu der schon reichlich vorhandenen Literatur kommen jetzt zwei Berichte aus Schweden [1, 2], wo für die Altersbestimmung zwei Parameter genutzt werden, eine kernspintomographische Untersuchung des distalen Femurs (Knie) und eine Röntgenaufnahme des 3. Molaren. Diese vom Board Schwedischer Rechtsmediziner empfohlene Methode wurde bisher nicht validiert. Die Autoren der Studie [1] analysierten die Ergebnisse von 9.954 Probanden (9.617 m, 337 w), die im Jahr 2017 so untersucht wurden. Sie stellten fest, dass die beiden untersuchten Parameter sich zeitlich nicht parallel entwickeln, sondern die Reifung des Femur der des Molaren deutlich vorausgeht.

Legte man die Kriterien des Board Schwedischer Rechtsmediziner zugrunde, waren 15 % der untersuchten männlichen Probanden Kinder. Mit einem aufwändigen Rechenmodell bestimmten die Autoren die Risiken einer Fehleinschätzung des Alters unter diesen Probanden: 33% hatten das Risiko fälschlich als Erwachsene, aber nur 7% fälschlich als Kinder eingestuft zu werden.

In dem zweiten Bericht [2] wird eine Metaanalyse zu der Frage unternommen, ob Stressfaktoren, denen asylsuchende Flüchtlinge unter Umständen länger ausgesetzt waren, den zeitlichen Verlauf der Pubertätsentwicklung beeinflussen können. Dies ist nach mehreren Studien der Fall, wobei es zu einer Akzeleration von einem bis zwei Jahren kommen kann.

Kommentar: Wenn man Untersuchungsmethoden, die die Variabilität von Pubertät und Entwicklung erfassen sollen, einfach umdreht und die Variabilität ausblendet, um scheinbar fixe Entwicklungszeitpunkte als Altersbestimmung zu nutzen, was soll dabei Vernünftiges herauskommen? Nichts.

Dazu kommt, dass Mangelernährung zu verzögerter, Stress zu frühzeitiger Pubertät führt. Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Methoden sind so schwach, die rechtlichen Folgen der "Ergebnisse" aber so gravierend, dass man sich besser auf das 'Nil Nocere' besinnt und sich an solchen Untersuchungen nicht aktiv beteiligt.

Referenz:
[1] Mostad P, Tamsen F
 (2019) Error rates for unvalidated medical age assessment procedures. Int J Legal Med 133: 613-623.
[2] Inge Axelsson (2019) Bone maturation cannot be used to estimate chronological age in asylum-seeking adolescents. Acta Pædiatrica 108, 590–592.