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Wehen nach der Geburt

09.2021
Autorin Violetta Brauksiepe, Bsc. Hebammenwissenschaften, Hebamme aus Essen

Wochenbettwehen
Gemeinsam bilden die puerperale Dauerkontraktion, Nachwehen und Reizwehen (Stillwehen) die Wochenbettwehen und sind Teil des physiologischen Rückbildungsprozesses.  Nachwehen schließen sich der Plazentageburt an und fördern zusätzlich zur Dauerkontraktion über einen Zeitraum von bis zu fünf Tagen postpartum in unregelmäßiger Frequenz die Verkleinerung des hypertrophierten Uterus sowie den Abgang der Lochien (Geist, 2013). Reizwehen werden zusätzlich durch Manipulation des Uterus, Kontraktionsmittel sowie den Saugreflex des Neugeborenen ausgelöst.  Reizwehen, in diesem Kontext Stillwehen genannt, werden durch Oxytocinausschüttung ausgelöst und fördern die physiologische postpartale Rückbildung. Intensität und Häufigkeit sind individuell und nehmen mit zunehmender Stilldauer ab (Harder, 2011).

Individuelles Empfinden
Nach vaginaler Geburt berichten 70 Prozent der Frauen über Nachwehen. Diese können als leichte bis hin zu sehr schmerzhaften (geburtsähnlichen) Unterbauchschmerzen wahrgenommen werden und nehmen meist mit jeder Geburt an Stärke zu (Lorenz, 2016). Die Studie von  Evcili & Didem (2019) zeigt, dass postpartale Schmerzen den gesamten Stillprozess negativ beeinflussen können. Vereinzelt können Wochenbettwehen hypotone Kreislaufreaktionen auslösen (Rhodes, 1966). Das Empfinden von Nachwehen ist sehr individuell und wird durch verschiedene Einflussfaktoren bestimmt: Dazu gehören die Erfahrung der Mutter, Vorerkrankungen, Schmerzempfindlichkeit, Überdehnung des Uterus (Mehrlingsschwangerschaft) sowie soziokulturelle Faktoren (Lorenz, 2016).

Wenn der Schmerz eine andere Ursache hat
Wenn Bauchbeschwerden nicht mit den grundlegenden Eigenschaften von Wochenbettwehen einhergehen, sich fieberhafte Verläufe und /oder eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes zeigen, sollte umgehend differenzialdiagnostisch untersucht werden. Hierbei muss immer an eine Infektion des Uterus gedacht werden! Weitere Differenzialdiagnosen sind u.a.: Endometritis, Endomyometritis, Lochialstau, Wundheilungsstörungen, Gastroenteritis, Appendizitis, Harnverhalt, Pyelonephritis, Pneumonie (Lorenz, 2016).


Therapien
Es gibt zwar keine Leitlinien zur Behandlung von Wochenbettschmerzen (Lorenz, 2016), doch können verschiedene komplementärmedizinische Therapien sowie schulmedizinische Behandlungen zur Therapie herangezogen werden:

  • Wärmende Kleidung ist ebenso hilfreich wie eine Wärmflasche im Kreuzbein und Unterbauch (CAVE: Verbrennungsgefahr nach Sectio, da verändertes Schmerzempfinden!).
  • Für Vollbäder, Tees und Bauchwickel empfiehlt Harder (2016), Kamille, Gänsefingerhut oder Himbeerblätter zu verwenden. 
  • Calvert & Stehen (2007) berichten vom positiven Einfluss homöopathischer Mittel: Spascuprel als Komplexmittel, Chamomilla, Arnica und Caulophyllum. 
  • Eine volle Blase hebt den Uterus und verstärkt den Schmerz, daher sollten Mütter im Wochenbett alle zwei bis drei Stunden die Blase leeren.  
  • Die Mutter sollte über die physiologische Funktion der Wochenbettwehen beraten und aufgeklärt werden.
  • Ruhiges und entspanntes Atmen wirkt krampflösend. 
  • Als Schmerzmittel eignen sich Paracetamol und Ibuprofen, die Höchstgrenzen sind immer in Abhängigkeit von Gewicht und Vorerkrankungen der Frau festzulegen (Lorenz, 2016).

Fazit
Die individuelle Wahrnehmung von Wochenbettwehen fordert eine individuelle und bedürfnisorientierte Betreuung. Mütter befinden sich im Wochenbett in einer Umbruchphase, in der sie die Geburt verarbeiten, sich an die neue Lebenssituation anpassen und die körperlichen Rückbildungsprozesse verarbeiten und bewältigen müssen. Dabei ist es möglich, dass die Frau nicht über ausreichende Ressourcen verfügt, um die immer wiederkehrenden Schmerzen zu kompensieren. 
Daher sollte eine Behandlung immer ganzheitlich erfolgen. Möglicherweise reicht bereits ein aufklärendes Gespräch über die Physiologie von Nachwehen aus, der Bedarf einer medikamentösen oder komplementären Behandlung darf jedoch nicht übersehen werden. 

Referenzen:
Evcili, F. & Didem, K. The effect of postpartum afterpain on breastfeeding self-efficacy. Cukurova Med J 2019; 44 (Suppl 1): 296–307. DOI: 10.17826/cumj.559442
Geist, C. (2012). Physiologische Veränderungen im Wochenbett. In: Stiefel, Geist & Harder (Hrsg.). Hebammenkunde: Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf. Hippokrates Verlag, Stuttgart
Harder, U. (2011). Rückbildung der Geburtsorgane. In: Harder. Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause. Hippokrates Verlag, Stuttgart
Lorenz, J. Nachwehen: Hände, Worte, Kräuter und Fürsorge. Hebammenzeitschrift, 2016, Volume 5, Jahrgang 68, S. 52–55
Rhodes, P. Lactation and after-pains. The Practitioner, 1966, 196(172): 279–280
Calvert, J. & Steen, M. Homeopathic remedies for self-administration during childbirth. British Journal of Midwifery Vol. 15, No. 3., 2013. doi.org/10.12968/bjom.2007.15.3.23028