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Beikost: „Baby-led Weaning“

10.2017
Autor Dr. J. Hower, Pädiater

Den meisten Säuglingen wird nach dem 6. Lebensmonat in Ergänzung zur Brust- oder Formula-Milch feste Nahrung püriert oder seltener als Fingerfood zugeführt.

Ein alternativer Fütterungsansatz ist BLISS (Baby-led Introduction to Solids), der Babys ermutigen soll, die Einnahme fester Nahrung (Fingerfood) selbst zu steuern. Im Gegensatz zu der von Erwachsenen gesteuerten Löffelfütterung, so die Hypothese, soll eine bessere Selbstregulation der Nahrungsaufnahme und möglicherweise eine Reduktion der Adipositas-Prävalenz angestrebt werden. Diese Methode des „Baby-led Weaning“ hat vor allem in Großbritannien und Neuseeland in den letzten 15 Jahren an Popularität gewonnen.

Taylor et al. haben jetzt erstmals eine randomisierte klinische BLISS-Studie mit der Fragestellung durchgeführt, ob dieser Ansatz zu einer ausreichenden Ernährung und einem niedrigeren Body-Mass-Index (BMI) führt als die traditionelle, durch Erwachsene geführte Nahrungsaufnahme mit dem Löffel.

Studiendesign: In die randomisierte klinische Studie wurden 206 erstgebärende Frauen im Rahmen einer Interventionsstudie in der späten Schwangerschaft rekrutiert und mittels Ernährungsfragebögen befragt.

Die Mütter der BLISS-Gruppe wurden von Stillberaterinnen begleitet, um das ausschließliche Stillen möglichst lange beizubehalten und die Einführung fester Nahrung bis zum Alter von 6 Monaten hinauszuzögern. Primäres Ergebnisziel war die Erfassung des BMI-z-Scores mit 12 und 24 Monaten. Mit den sekundären Ergebniszielen wurden die Selbstregulation der Energieaufnahme und das Essverhalten der Kinder im Alter von 6, 12 und 24 Monaten erfasst.

Ergebnisse: Von den 206 Studienteilnehmerinnen (mittleres Alter 31,3 Jahre) konnten die Ergebnisse bei 166 kindlichen Probanden im Alter von 24 Monaten ausgewertet werden. Die Mittelwerte (mittlerer BMI-z-Score) zwischen der Kontroll- und der BLISS-Gruppe unterschieden sich weder nach 12 Monaten noch nach 24 Monaten signifikant voneinander. Eltern in der BLISS-Gruppe berichteten nach 12 und 24 Monaten über eine geringere Sättigungsreaktion und mehr Freude an Lebensmitteln. Diese Säuglinge schienen auch bei der Auswahl ihrer Lebensmittel entschlossener zu sein. Die geschätzten Unterschiede in der Energieaufnahme betrugen 55 kJ mit 12 Monaten und 143 kJ mit 24 Monaten.

Fazit: Ein von Babys geführter Ansatz zur ergänzenden Ernährung führte nicht zu einem gesünderen Wachstum und einer besseren Gewichtsentwicklung als die traditionelle Löffelernährung, obwohl die Kinder in der BLISS-Gruppe einfacher zu ernähren waren.

Taylor, RW et al. Effect of a Baby-Led Approach to Complementary Feeding on Infant Growth and Overweight: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr 2017 Sept 1; 171(9): 838-846

Kommentar: Die Schwangerschaft und das Säuglingsalter werden als günstige Zeitfenster für die Prävention von Adipositas angesehen. Aktuelle Leitlinien empfehlen für Säuglinge im Verlauf des Abstillens die Einführung fester Nahrung im Alter von etwa 6 Monaten. Die Einführung sollte schrittweise erfolgen, eine Reihe von Geschmacksrichtungen einschließen und im Rahmen der Familienkost erfolgen. Der Säugling sollte ausreichend weit entwickelt sein, um sich aufrichten, Gegenstände greifen und kauen zu können.

Der Fütterungsansatz BLISS wurde bereits vor der industrialisierten Ernährung praktiziert. Bislang konnte diesem Vorgehen als Alternative zur bisherigen Esskultur jedoch keine Überlegenheit nachgewiesen werden.

BLISS setzt voraus, dass sich Säuglinge im Alter von 6 und mehr Monaten ausreichend selbst ernähren können, wenn ihnen feste Nahrung angeboten wird. Die aktuelle Untersuchung von Taylor et al. prüft erstmals die Wirksamkeit und Sicherheit dieses Verfahrens in einer randomisierten klinischen Studie.

Im Ergebnis lässt die BLISS-Fütterung im Vergleich zu den traditionellen Verfahren keine wesentlichen Vorteile bei der Einführung fester Nahrung erkennen:

  • Die Hypothese, dass BLISS die Nahrungsaufnahme reguliert und einen hemmenden Einfluss auf die Übergewichtsentwicklung ausübt, konnte nicht bestätigt werden.
  • Eine Selbstregulation der Nahrungsaufnahme ist, wie die Studie ausweist, der Adipositas-Prävention bei Säuglingen nicht förderlich. Dies mag in Zeiten der Nahrungsunsicherheit ein wichtiger Schutz sein, führt aber in Zeiten der Nahrungssicherheit wahrscheinlich eher zur Adipositas.

Die BLISS-Fütterung mag für manche Säuglinge neben der Löffelfütterung eine sinnvolle Option sein. Ein Vorteil für die Prävention der Adipositas lässt sich aus der aktuellen Studie jedoch nicht erkennen.

Die Evidenz, ob es sich bei BLISS um eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative in der Säuglingsernährung zur Einübung von Selbstkontrolle und Selbstregulation in der Ernährung handelt, steht noch aus.

Referenzen:
Taylor, RW et al. Effect of a Baby-Led Approach to Complementary Feeding on Infant Growth and Overweight: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr 2017 Sept 1; 171(9): 838-846
Brown, A, Lee, M. An exploration of mothers following a baby-led weaning style: developmental readiness for complementary foods. Matern Child Nutr 2013 Apr; 9(2): 233-243
Arden, MA, Abbott, RL. Experiences of baby-led weaning: trust, control and renegotiation. Matern Child Nutr 2015 Oct, 11(4): 829-844
Brown, A et al. Baby-Led Weaning: The Evidence to Date. Curr Nutr Rep 2017; 148-156