Wenn Kleinkinder nicht richtig essen wollen – eine neue klinische Definition eines lange bekannten Problems
02.2026
Autor Dr. Martin Claßen, Bremen
Klagen von Eltern über das problematische Essverhalten ihrer Kinder gehören zu den häufigen Gesprächsthemen in der Kinderarztpraxis. Zunächst wird man eher von einer harmlosen Verhaltensauffälligkeit ausgehen. Andererseits gibt es Kinder, die Nahrung verweigern, deshalb schlecht an Gewicht zunehmen oder eine gefährlich einseitige Nahrungsmittelauswahl haben. Bisher gab es in den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-4 für diese Kinder keine Diagnose. Im neuen DSM-5 und ICD-11 wird nun die Diagnosekategorie vermeidende/restriktive Essstörung (ARFID: avoidant/restrictive food intake disorder) zusätzlich zur Anorexia nervosa und Bulimie aufgeführt.
In einer großen norwegischen Studie wurden kürzlich die Prävalenz und die Charakteristika sowie genetische Faktoren von ARFI (vermeidendes/restriktives Essverhalten) bei 35.751 3- bis 8-jährigen Kindern untersucht. Sie wurden im Rahmen einer Kohortenstudie (MoBa) erfasst, die auch auf Krankenkassen- und Patientenregisterdaten zugreifen konnte.
2129 (6.0 %) zeigten zu den beiden Erfassungspunkten im Alter von 3 und 8 Jahren Symptome von ARFI, 6338 (17.7 %) nur zum Zeitpunkt 3 Jahre, 3001 (8.4 %) nur im Alter von 8 Jahren. Kinder mit ARFI-Symptomen zu beiden Zeitpunkten zeigten signifikant häufiger Probleme bei der Sprachentwicklung, bei der motorischen Entwicklung, emotionale Störungen, Hyperaktivität sowie oppositionelles Verhalten. Bei ihnen waren auch deutlich häufiger geistige Behinderung, Entwicklungsverzögerungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS und Epilepsie diagnostiziert worden.
Bei der genomweiten Assoziationsanalyse fand man zu beiden Erfassungszeitpunkten zwei unabhängige Genloci in Assoziation zu ARFI-Symptomen. Eines der beiden Gene, Adenylatcyclase 3, lokalisiert auf Chromosom 2, korrelierte mit den klinischen Diagnosen von ARFID zu beiden Zeitpunkten 3 oder 8 Jahre (z = 5.42; P = 3.03 × 10−8). Das Gen kodiert die ADCY3 und hat auch Einfluss auf Depressionen und Adipositas.
Referenzen:
Bjørndal LD, Corfield EC, Hannigan LJ et al. Prevalence, Characteristics, and Genetic Architecture of Avoidant/Restrictive Food Intake Phenotypes. JAMA Pediatr. Published online November 24, 2025. DOI:10.1001/jamapediatrics.2025.4786