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Analysen des Darmmikrobioms – kommerziell verfügbar, aber klinisch mit Bedacht anzuwenden

02.2026
Autor Dr. Martin Claßen, Bremen

In den letzten Jahren haben wir immer mehr über die große Bedeutung des Mikrobioms für Gesundheit und Krankheitsrisiken gelernt – nicht nur bezüglich Darmerkrankungen, sondern auch für psychische, metabolische und immunologische Erkrankungen. Zu diesem Wissen beigetragen haben neue Methoden der Mikrobiomanalysen ohne Kulturen, mit Genanalysen der Darmbakterien, die durch verbesserte Datenverarbeitungskapazitäten ermöglicht wurden. Da liegt es nahe, auch in die alltägliche Patientenversorgung eine Anwendung dieser Methoden zu integrieren.

Dass solche Analysen nur unter bestimmten Rahmenbedingungen durchgeführt werden sollten, hat jüngst eine internationale Forschergruppe in einem Konsensuspapier dargelegt, das in der renommierten Zeitschrift „Lancet“ publiziert wurde.

In der Publikation wird auf fünf Bereiche eingegangen:

  1. Generelle Prinzipien und minimale Anforderungen an die Diagnostik
  2. Prä-Analytik
  3. Durchführung der Miktobiomanalyse
  4. Befundung
  5. Relevanz der Mikrobiomanalysen in der klinischen Praxis

Wichtig finde ich folgende ausgewählte Empfehlungen:

  • Keine Testung nur auf Wunsch von Patienten ohne klinischen Grund
  • Bei der Sammlung und Versendung von Proben sollten Kontaminationen vermieden werden.
  • Als bevorzugte Methoden sollten Amplicon-Sequenzierung oder Whole-Genome-Sequenzierung angewendet werden, keine kulturellen oder PCR-Methoden.
  • Die Ergebnisse sollten Daten zur Diversität und Vergleiche zu gesunden Kollektiven enthalten.
  • Eine Analyse der mikrobiellen Metabolite („Metabolom“) sowie die Angabe eines Dysbiose-Index wird nicht empfohlen.
  • Aus den Befunden sollten vom Labor keine direkten therapeutischen Empfehlungen abgeleitet werden.
  • Mikrobiomanalysen sind in der Routineversorgung entbehrlich.

Für Details sei auf das Paper verwiesen.

Kommentar: Analysen des Darmmikrobioms sind wissenschaftlich hochgradig spannend und werden in der Zukunft sicherlich unser Verständnis einer Reihe von Erkrankungen noch wesentlich beeinflussen. Dazu werden auch Interventionsstudien mit fäkalem Mikrobiomtransfer (FMT) beitragen. Bezüglich der Diagnostik von Dysbiosen bzw. Störungen des Darmmikrobioms ist die Umsetzung des theoretischen Wissens in die klinische Praxis aktuell noch unzureichend möglich. Dies wird auch in dem hier vorgestellten Konsensus-Papier ausführlich dargestellt und davor gewarnt, ohne eine eindeutige klinische Indikation eine solche Analyse anzufordern. Aufgrund des Fehlens von Normwerten für verschiedene Alters- und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gibt es darüber hinaus keine Referenzen, auf die man die Befunde beziehen kann. Kommerzielle Labors bieten ihre Dienste mit relativ hohen Kosten an. Aktuell würde ich dazu raten, die Zurückhaltung, die sich in diesem Konsensuspapier widerspiegelt, auch bei Nachfragen von Eltern zu vertreten.

Am besten zusammengefasst werden die Probleme der Anwendung von Mikrobiomanalysen im folgenden Satz aus dem Paper: 
„Trotz dieses Enthusiasmus bleibt die Anwendung der Forschung zum Mikrobiom des Darms in der klinischen Praxis aufgrund verschiedener Faktoren minimal, darunter die Komplexität des Mikrobioms und der damit verbundenen Sequenzierungsdatensätze, die Schwierigkeiten, Korrelationen von Kausalitäten zu unterscheiden, die Abhängigkeit von präklinischen Modellen mit geringer Übertragbarkeit auf den Menschen, das begrenzte Wissen der meisten Kliniker auf diesem Gebiet, das Fehlen eines validierten Tests zur Ermöglichung therapeutischer Nachverfolgungen und das Fehlen etablierter Vorschriften und Rahmenbedingungen für die klinische Umsetzung dieser Forschung.“

Es bleibt dennoch spannend und diese Einschätzung wird in fünf Jahren wahrscheinlich nicht mehr uneingeschränkt gelten.

Referenzen:
Porcari S, Mullish BH, Asnicar F et al. International consensus statement on microbiome testing in clinical practice. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2025 Feb;10(2):154-167. Epub 2024 Dec 5. PMID: 39647502; PMCID: PMC12343204. DOI: 10.1016/S2468-1253(24)00311-X

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