Weshalb Mundgesundheit in der Schwangerschaft mehr Aufmerksamkeit verdient
09.2026
Von Alexandra Lesmann, Hebamme und Diplom-Ökotrophologin
Hormonelle Veränderungen machen das Zahnfleisch empfindlicher. In der Fachwelt wird seit Jahren ein möglicher Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburten diskutiert. Eine 2026 (vorab online 2025) erschienene systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Sokos et al. greift diese Frage erneut auf. Die Autoren kommen zu einem Ergebnis, das meines Erachtens bemerkenswert ist, aber unbedingt richtig eingeordnet werden muss.
Auswirkungen der hormonellen Umstellung
Die hormonelle Umstellung in der Schwangerschaft verändert die Reaktion des Zahnfleisches auf bakterielle Beläge. Vor allem Östrogen und Progesteron erhöhen die Durchblutung und Gefäßdurchlässigkeit im Gewebe. Bereits geringe Plaquemengen können dadurch deutlichere Entzündungsreaktionen hervorrufen. Zahnfleischbluten, Rötungen und Schwellungen treten deshalb in der Schwangerschaft häufiger auf.
Unterschiede zwischen Gingivitis und Parodontitis
Grundsätzlich ist diese Schwangerschaftsgingivitis reversibel – sie sollte aber nicht als unvermeidliche oder harmlose Begleiterscheinung abgetan werden. Für sich genommen führt sie in der Regel nicht zu einem bleibenden Verlust des Zahnhalteapparates. Davon abzugrenzen ist die Parodontitis, bei der neben dem Zahnfleisch auch das Bindegewebe und der Kieferknochen betroffen sind. Ein bereits eingetretener Verlust von Zahnhaltegewebe lässt sich nicht einfach rückgängig machen. Auch kann sich eine schon vor der Schwangerschaft bestehende Parodontitis während der Schwangerschaft verschlechtern. Neben diesen Folgen für die mütterliche Mundgesundheit stellt sich die Frage, ob eine Parodontitis auch für den Schwangerschaftsverlauf von Bedeutung sein könnte.
Welche Ergebnisse bringen Studien?
Sokos et al. werteten elf Beobachtungsstudien mit insgesamt 5.978 Frauen aus. Bei 2.292 Teilnehmerinnen lag eine Parodontitis vor. In allen Studien erfolgte eine vollständige klinische Untersuchung des Zahnhalteapparates. Neun Studien bewerteten die Autoren mit einem niedrigen und zwei mit einem hohen Verzerrungsrisiko.
In sieben der elf Untersuchungen zeigte sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Parodontitis und einer Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche. In der zusammenfassenden Analyse betrug die Odds Ratio 2,38 bei einem 95 %-Konfidenzintervall von 1,78 bis 3,18. Die Odds für eine Frühgeburt lagen bei Frauen mit Parodontitis somit statistisch höher. Eine Odds Ratio ist allerdings nicht mit einem relativen Risiko gleichzusetzen und erlaubt keine Aussage darüber, wie stark das absolute Risiko einer einzelnen Schwangeren ansteigt.
Die Ergebnisse der Studien unterschieden sich zudem erheblich. Auch mögliche Einflussfaktoren wie Rauchen, Alter, Body-Mass-Index, Diabetes, sozioökonomischer Status, vorausgegangene Frühgeburten oder andere Schwangerschaftskomplikationen wurden nicht einheitlich berücksichtigt. Teilweise fiel der Zusammenhang nach einer entsprechenden statistischen Korrektur schwächer aus oder war nicht mehr signifikant. Eine kausale Aussage ist daher nicht möglich. Die Autorengruppe stuft die Sicherheit der Evidenz als moderat ein und bewertet den statistischen Effekt als klein.
Mögliche Zusammenhänge
Für einen denkbaren Zusammenhang diskutieren Sokos et al. auf Grundlage früherer Untersuchungen zwei mögliche Wege. Bakterien oder bakterielle Bestandteile könnten aus entzündeten Zahnfleischtaschen über die Blutbahn zur fetoplazentaren Einheit gelangen. Daneben könnten lokal gebildete Entzündungsmediatoren in den Kreislauf übertreten und systemische Entzündungsprozesse beeinflussen. Diese Mechanismen sind biologisch plausibel, wurden in der Metaanalyse aber nicht selbst untersucht. Ob sie beim Menschen tatsächlich eine Frühgeburt auslösen, bleibt daher offen.
Eine weitere aktuelle Metaanalyse von Thomas et al. (2026) umfasste 14 randomisierte Studien mit 8.316 Schwangeren. Die parodontale Behandlung war mit einer möglichen relativen Verringerung des Frühgeburtsrisikos um 15 % verbunden. Das Risikoverhältnis betrug 0,85 bei einem 95 %-Konfidenzintervall von 0,71 bis 1,02. Da das Konfidenzintervall auch einen fehlenden Effekt einschloss, ist eine Wirksamkeit zur Frühgeburtsprävention nicht sicher nachgewiesen.
Mundgesundheit in der Schwangerschaft
Unabhängig von einer möglichen Wirkung auf das Frühgeburtsrisiko verbessert eine fachgerechte Behandlung die Mundgesundheit und kann während der Schwangerschaft durchgeführt werden. In der Hebammenbetreuung sollten Zahnfleischbluten, Schwellungen, Schmerzen, Mundgeruch und der letzte zahnärztliche Kontrolltermin frühzeitig angesprochen werden. Zweimal tägliches Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta und die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume bleiben die Grundlage. Bei Auffälligkeiten ist eine zeitnahe zahnärztliche Abklärung sinnvoll.
Referenzen:
Alaze-Hagemann, F., Reiss, K. et al. (2026): Nutrition, Physical Activity and Other Health Aspects Before and During Pregnancy – Recommendations by the Nationwide “Healthy Start Network” (Netzwerk Gesund ins Leben) 2026. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 86(6):e60–e97. DOI 10.1055/a-2827-5905
American Dental Association (2025): Pregnancy. Oral Health Topics. Stand 14.07.2025. https://www.ada.org/resources/ada-library/oral-health-topics/pregnancy. Zuletzt aufgerufen am 01.08.2026.
European Federation of Periodontology (2017): Guidelines for non-dentistry health professionals. https://www.efp.org/fileadmin/uploads/efp/Documents/Campaigns/Oral_Health_and_Pregnancy/Guidelines/guidelines-non-dental.pdf. Zuletzt aufgerufen am 01.08.2026.
Figuero, E., Han, Y. W., Furuichi, Y. (2020): Periodontal diseases and adverse pregnancy outcomes: Mechanisms. Periodontol 2000 83(1):175–188. DOI 10.1111/prd.12295
Sokos, D., Slot, D. E. et al. (2026): The Risk of Preterm Birth in Women with Periodontitis: A Systematic Review and Meta-analysis. International Journal of Dental Hygiene 24:116–135. DOI 10.1111/idh.70001
Thomas, C., Ahmed, S. et al. (2026): Effect of dental treatments on reduction of preterm birth: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Obstetrics & Gynecology MFM 8(3):101884. DOI 10.1016/j.ajogmf.2025.101884