Störungen der Darm-Hirn-Interaktion im Säuglingsalter
Unspezifische Verdauungsstörungen wie Verstopfung, Kolik sowie vermehrtes Aufstoßen und Spucken sind ein häufiges Phänomen im Säuglingsalter, welche bislang dem Oberbegriff „funktionelle gastrointestinale Störungen“ untergeordnet waren. Die sogenannten Rom-Kriterien, die im Rahmen der Rom-Konferenzen Diagnosekriterien und Therapieansätze für diese Störungen festlegen, wurden kürzlich aktualisiert (Rom V) und deren übergeordnete Bezeichnung durch den anschaulicheren Begriff „Störungen der Darm-Hirn-Interaktion“ (Disorders of Gut Brain Interaction; DGBI) ersetzt.1
Was ist darunter zu verstehen?
DGBIs umfassen ein weites Spektrum. Die Ursachen sind multifaktoriell. DGBIs bezeichnen eine Gruppe von Störungen, die sich durch gastrointestinale Symptome äußern und mit unterschiedlichen, zusammenwirkenden Faktoren verbunden sind – darunter Störungen der Darmbeweglichkeit, erhöhte Empfindlichkeit des Verdauungssystems, Veränderungen von Darmschleimhaut, Immunsystem und Mikrobiota sowie eine veränderte Signalverarbeitung im zentralen Nervensystem (ZNS). Die Rolle der psychosozialen Faktoren, z. B. Stress, wird ebenfalls im Kontext der Kommunikation zwischen Darm und Hirn (Darm-Hirn-Achse) diskutiert.1
Häufige Störungen bei Säuglingen
Zu Beginn sind sowohl das Verdauungssystem als auch das ZNS noch unreif und anfällig für Störungen, deren Ausprägungen durchaus durch weitere frühe Umweltbedingungen beeinflusst werden und sich letztlich negativ auf die Lebensqualität auswirken können.1 Aufgrund der Komplexität konzentriert sich der Beitrag auf die Neuerungen der häufigsten gastrointestinalen Störungen im Säuglingsalter. Unterschieden werden je nach Anatomie DGBIs des oberen und unteren Gastrointestinaltrakts (GI-Trakt).
DGBIs des oberen GI-Trakts
Reflux bzw. Regurgitationen – als Aufstoßen und Spucken bekannt – treten häufig auf und sind physiologisch. Solange die Säuglinge wachsen, gedeihen und keine Komplikationen hinzukommen, ist gelegentliches Zurückfließen des Mageninhalts in die Speiseröhre mit oder ohne Spucken und Erbrechen unproblematisch.2 Daher werden Regurgitationen bei gesunden Säuglingen nicht mehr in der Rom-V-Publikation als Störung aufgeführt.3
DGBIs des unteren GI-Trakts
Von funktionellen Verstopfungen sind Säuglinge betroffen, die innerhalb eines Monats höchstens zwei Stuhlentleerungen pro Woche mit hartem und vielleicht sogar schmerzhaftem Stuhlgang hatten. Weitere Auffälligkeiten des Stuhlverhaltens, z. B. starkes Pressen oder Zurückhalten, können auftreten.4
Mit einer Prävalenz von ca. 20 Prozent treten Säuglingskoliken – jüngst als „Säuglings-Distress“ bezeichnet – binnen der ersten sechs Monate auf.4,5 Charakteristisch sind bei Säuglingen im Alter von höchstens fünf Monaten anhaltende, wiederkehrende Phasen von Schreien und Unruhe ohne erkennbare Ursache, die sich durch die Betreuungspersonen nicht beruhigen lassen.
Behandlungsmöglichkeiten – sind Nahrungsinterventionen sinnvoll?
Die Aufklärung, u. a. über die selbstlimitierende Natur von DGBIs, und Unterstützung der Eltern sind ein wichtiger Teil der Behandlung. Je nach Anamnese und medizinischer Diagnose, sollte eine individuelle Therapie erfolgen, die diätetische und ggf. medikamentöse Maßnahmen umfassen kann. Bei nicht (ausschließlich) gestillten Säuglingen kann – nach ärztlicher Absprache und Ausschluss pathologischer Ursachen – der Einsatz sog. Spezialnahrungen erwogen werden. Sie sind sicher, praktikabel und können eine raschere Linderung der Beschwerden ermöglichen. Ihre Zusammensetzung ist speziell an die Bedürfnisse angepasst. Synbiotische COMFORT-Nahrungen mit beta-Palmitat und Hydrolysat können verdauungsregulierend und stuhlauflockernd wirken, während Anti-Reflux-Nahrungen die Häufigkeit des Refluxes effektiv verringern.
Fazit
DGBIs treten im Säuglingsalter häufig auf, haben eine hohe praktische Relevanz und stellen oft Herausforderungen für die betroffenen Familien dar. Eine ausführliche Beratung, gut verständliche Informationen sowie die Beruhigung der Eltern spielen eine zentrale Rolle. Bei nicht (ausschließlich) gestillten Säuglingen kann eine gezielte, zeitweise Nahrungsintervention erfolgen, um Symptome rasch zu lindern und damit die Lebensqualität zu verbessern.
Literatur:
1 Drossman et al. Gastroenterology 2026;170:1083–1098.
2 Rosen R et al. JPGN. 2018;66: 516–554.
3 Rosen et al. Gastroenterology 2026;170:1347–1366.
4 Di Lorenzo et al. Gastroenterology 2026;170:1367–1387.
5 Toca et al. Arch Argent Pediatr 2022;120(5):346–353.