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Abdominelle Beschwerden ohne organische Ursache werden neu definiert – Rom V jüngst publiziert

06.2026
Autor Dr. Martin Claßen, Bremen

Bei den meisten Kindern mit abdominellen Problemen findet man auch bei sorgfältiger Diagnostik keine organische Ursache. Man sprach dann bisher von „funktionellen Störungen“, die Entitäten wie Säuglingskoliken über zyklisches Erbrechen bis zum Reizdarm umfassten. Die Terminologie und Definitionen dieser Störungen beruhen seit Jahrzehnten auf den Vereinbarungen der Rom-Konferenzen – für Erwachsene wie für Kinder. Diese sog. Rom-Kriterien werden immer wieder aktualisiert. 

Vor Kurzem ist nun die 5. Version erschienen – kurz Rom V genannt. Bei diesem Update gab es nicht nur kleinere Anpassungen, sondern fundamentale Änderungen sowohl in der Wahl der Begriffe als auch beim Spektrum der Störungen. In einem Sonderheft der Zeitschrift „Gastroenterology“ sind 18 Artikel über die neuen Rom-Konzepte, pathophysiologische Erkenntnisse und die Krankheitsdefinitionen zusammengetragen worden, eine durchaus interessante Lektüre.

Grundsätzliche Neuerungen in Rom V

Zum ersten Mal soll die Bezeichnung „Funktionelle gastrointestinale Erkrankungen“ nicht mehr verwendet werden. An dessen Stelle tritt der anschaulichere Begriff „Störungen der Darm-Hirn-Interaktion“ (Disorders of Gut-Brain-Interaction, DGBI). Die Idee dahinter ist, dass die für Laien oft nicht gut verständlichen „funktionellen Ursachen“ durch eine Beschreibung der Komponenten der Pathogenese der Störung ersetzt werden. So soll ein Verständnis aufgebaut werden, dass sowohl auf der Ebene des Darms (Mikrobiom, Barriere, Motilität und Darmimmunsystem) als auch bei der zentralen Wahrnehmung und Verarbeitung der Reize aus dem Bauch Probleme bestehen können und darüber hinaus biopsychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle spielen (Abb. 1).

Änderungen bei Kindern und Jugendlichen

Die aus Rom IV bekannte Gliederung nach Altersgruppen wurde verlassen und stattdessen eine Einteilung der Beschwerden nach anatomischen Regionen vorgenommen (oberer, unterer GI-Trakt und biliäre Störungen). Bei den Störungen des oberen GI-Trakts findet man erstmalig Diagnosen wie „Reflux-Hypersensitivität“, „Reflux-negative Ösophagusschmerzen“, „Aerophagie“ und das „Syndrom des supragastrischen Aufstoßens“ sowie „chronische funktionelle Übelkeit“ und „epigastrischer Schmerz“. Darüber hinaus gibt es ein neues Kapitel über funktionelle Fütterungsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern.

In der Publikation über den unteren GI-Trakt gibt es drei Hauptkategorien: Bauchschmerzsyndrome, Defäkationsstörungen und Befindlichkeitsstörungen (Abb. 2). Es finden sich neue Begriffe wie „zentral vermitteltes Bauchschmerz-Syndrom“, „funktioneller Meteorismus“ und „Proctalgia fugax“. Der Begriff „Säuglingskolik“ soll ersetzt werden durch „Säuglings-Distress“. Völlig neu eingeführt wurde das „Biliäre Schmerzsyndrom“. Es wird charakterisiert durch Schmerz-Episoden im rechten Oberbauch mit akutem Beginn und Dauer von 30 Minuten bis mehreren Stunden ohne Hinweise für Cholestase oder Cholelithiasis.

Kommentar

Nach der Publikation von Rom V werden wir uns in vielen Bereichen umgewöhnen und unsere Kommunikation sowie Informationsmaterialien und Vorträge überarbeiten müssen. Die vorliegende Revision erscheint viel umfangreicher als die in Rom II–IV. Erfreulicherweise ergeben sich bei den häufigen Störungen wie Reizdarm und funktioneller Obstipation keine wesentlichen Unterschiede zu Rom IV. In der Versorgung der Patienten ist die exakte Zuordnung zu einer der Störungen ohnehin weniger wichtig als die Benennung der Ursache der Beschwerden durch die Störung der Darm-Hirn-Interaktion. Das eröffnet neue Chancen für das Verständnis der Störungen und zum Beispiel der Abhängigkeit von äußeren Faktoren wie Stress. Vor allem aber können die Ansatzpunkte für therapeutische Interventionen besser vermittelt werden: Man kann an beiden Enden der Darm-Hirn-Achse ansetzen. Das Armamentarium reicht z. B. von der Beeinflussung des intestinalen Mikrobioms mit Prä- oder Probiotika über Medikamente und Beeinflussung der Motilität bis zur Beeinflussung der zentralen Hypersensitivität durch kognitiv verhaltenstherapeutische und hypnotherapeutische Verfahren. Dass die „funktionellen Störungen“, weitgehend verschwinden, könnte ein Vorteil sein, denn der Begriff war für manche Familien nicht gut fassbar. Ich bevorzuge deswegen schon seit Jahren bei Bauchschmerz-Patienten die anschaulichere Diagnose „Reizdarm“. Die konkrete Benennung einer Diagnose aus dem weiten Spektrum der Störungen der Darm-Hirn-Interaktion wirkt bei vielen Familien erheblich entlastend (besonders erlebt man das beim zyklischen Erbrechen oder der abdominellen Migräne). Diese Chance sollten wir im Alltag immer wieder nutzen und uns mit der neuen Nomenklatur und den dahinter liegenden pathophysiologischen Konzepten beschäftigen. Es lohnt sich!

Referenzen: 

Rome V: Disorders of Gut–Brain Interaction. Gastroenterology 2026;170:1083–1416 (Special Issue). www.gastrojournal.org

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