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Erschöpfung im Wochenbett: den Mental Load von Müttern verstehen

09.2026
Von Lara Mönter, Hebamme, B.Sc. Hebammenkunde

Bei Mental Load handelt es sich um den mentalen Aufwand, der erforderlich ist, damit die Dinge, die das Privatleben und der Beruf mit sich bringen, funktionieren. Im Kontext dieses Artikels geht es um die geistige bzw. psychische Last, die sich im Kopf einer Person abspielt, damit das Familienleben und die Abläufe im Haushalt klappen. Darunter fallen Bereiche wie das Vorwegnehmen von Erfordernissen (z. B. bemerken, dass die Windelpackung bald leer ist, und den neuen Einkauf planen), das Recherchieren und Organisieren alltäglicher Bedürfnisse wie der Mahlzeiten, das Treffen von Entscheidungen oder das Nachhalten und Überwachen des Fortschritts bei der Erledigung von Aufgaben. Es ist eine unsichtbare, meist unterschätzte Herausforderung. 

All das findet häufig parallel zu aktiven Tätigkeiten wie Putzen, Kochen und Wickeln statt und ist sowohl für Außenstehende als auch für diejenigen, die den Mental Load tragen, schwer fassbar, vor allem aber ist es fast unmöglich, es genau zu quantifizieren (Daminger 2019). Diese mentale Last betrifft immer noch hauptsächlich die Mütter und kann weitreichende Auswirkungen auf deren psychische Gesundheit und Lebensfreude haben.

Mehrbelastung nach der Geburt

Mit der Geburt eines Kindes steigt die Belastung für die primären Bezugspersonen des Kindes deutlich an. Eine quantitative Querschnittstudie aus den USA von 2025 (Weeks et al.) zeigt deutlich, was viele Mütter selbst empfinden: Frauen tragen einen deutlich höheren Anteil der kognitiven Arbeit – 67 % mehr Aufgaben auf ihrer „mentalen To-Do-Liste“ – als die Väter der Kinder (13,72 vs. 8,2). Dabei sprechen die Autorinnen davon, dass die kognitive Arbeit an Müttern „kleben bleibe“. Im Gegensatz zu körperlicher Arbeit, die sich delegieren lasse, könne der Mental Load, weil er kaum fassbar ist, deutlich schwerer abgegeben werden.

Durch die Unsichtbarkeit des Mental Loads stellt er eine besondere Herausforderung für Frauen im Wochenbett dar. Ein Review aus dem Jahr 2024 (Callaghan et al.) diskutiert Mental Load als Faktor, der die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen in der Übergangsphase zur Mutterschaft erhöhen könnte. Eine Querschnittsstudie aus dem Jahr 2025 (Aviv et al.) kommt zu dem Ergebnis, dass Stress-, Erschöpfungs- und Depressionswerte umso höher sind, je größer der Mental-Load-Anteil bei Müttern ist. Auch wenn diese Studie nicht gezielt die Wochenbettzeit untersucht, ist eine Übertragung auf diese besonders sensible Phase plausibel.

Eine quantitative Querschnittsstudie aus Italien (Vettoretto et al. 2026) zeigt, dass die untersuchten Frauen (Mütter von einem Kind) ihren Mental Load als deutlich höher einschätzten als denjenigen ihrer Partner. Selbst wenn die Frauen die Geschlechterrollen in ihrer Partnerschaft als gleichberechtigt wahrnahmen, blieb eine empfundene Diskrepanz zwischen ihrer Belastung und der ihres Partners bestehen.

Implikation für die Hebammenarbeit

Da Hebammen in einer besonders vulnerablen Lebensphase Frauen in ihrem häuslichen Umfeld betreuen – vor und nach der Geburt –, können sie eine Schlüsselposition in der Prävention dieser psychischen Belastung einnehmen. Wer für das Thema Mental Load sensibilisiert ist, kann durch Früherkennung, Benennung und Aufklärungsarbeit bei der Frau und dem Partner Präventionsarbeit leisten. Wichtig ist es dabei, zu erkennen, dass man die wahre Belastung nur im Gespräch mit der Frau und dem Partner und nicht auf den ersten Blick von außen erfassen kann. Dabei bieten sich im Wochenbett konkrete Fragen an, also nicht: „Wie geht‘s?“, sondern eher: „Wer kümmert sich im Wochenbett um Arzttermine?“ „Wer organisiert die Verpflegung der Familie?“ etc. Eine Sensibilisierung des Partners für die Thematik und ein Sichtbarmachen der Aufgaben sind wichtige Bestandteile der Beratung. Damit kann Mental Load im besten Fall wegrücken von einer Aufgabe, die fast automatisch von der Schwangeren bzw. Wöchnerin übernommen wird, und zu einem Paarthema werden.

Das Verständnis von Mental Load ist nicht zuletzt bei der Beurteilung von Situationen im Wochenbett hilfreich, etwa wenn bei einer Frau die körperliche Heilung gut verläuft, sie aber aufgrund von unterschwelligen psychischen Belastungen und scheinbar ohne ersichtlichen Grund erschöpft ist. Als Hebammen erleben wir Frauen in Situationen, in denen der häusliche Alltag sichtbar wird. Genau darin liegt die Chance, die Frau zu unterstützen, bevor die Erschöpfung überwältigend wird. Wenn wir dies im Blick behalten, stärken wir durch unsere Nachsorge die psychische Gesundheit der gesamten jungen Familie.

Hinweis

In diesem Artikel ist die Rede von der Frau und ihrem Partner. Die Forschung konzentriert sich bei der Diskussion um Mental Load auf die Dynamik zwischen Frau und Mann. Natürlich werden viele verschiedene Familienmodelle gelebt. Wie diese sich auf den Mental Load einer Wöchnerin auswirken, ist eine Fragestellung, die unbedingt weitere Forschung verdient.

Referenzen:

Aviv, E., Waizman, Y. et al. (2025): Cognitive household labor: Gender disparities and consequences for maternal mental health and wellbeing. Archives of Women’s Mental Health 28 (1): 5-14. DOI 10.1007/s00737-024-01490-w

Callaghan, B., McCormack, C. et al. (2024): Understanding the maternal brain in the context of the mental load of motherhood. Nature mental health 2(7): 764-772. DOI 10.1038/s44220-024-00268-4

Daminger, A. (2019): The cognitive Dimension of Household Labor. Social Psychology Quarterly 84 (4). DOI 10.1177/0003122419859007

Vettoretto, E., Minello, A. et al. (2026): Understanding the dimensions of mental labor: the invisible load of Italian mothers. Frontiers in Sociology 10. DOI 10.3389/fsoc.2025.1683261

Weeks, A. C., Kowalewska, H., Ruppanner, L. (2025): Take a Load Off? Not for Mothers: Gender, Cognitive Labor, and the Limits of Time and Money. Social Psychology Quarterly. DOI 10.1177/23780231251384527
 

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