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Nabelschnurdurchtrennung - Gibt es den optimalen Zeitpunkt?

04.2026
Von Violetta Brauksiepe, Hebamme aus Essen, Bachelor Hebammenwiss.

Die Abnabelung des Neugeborenen gehört zu den ältesten und zugleich alltäglichsten Handlungen in der Geburtshilfe. Obwohl sie in der Klinik und außerklinisch routinemäßig durchgeführt wird, ist der optimale Zeitpunkt für das Durchtrennen der Nabelschnur seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher und klinischer Diskussionen (Steininger, 2020; Kalbér & Kühn, 2019). In der modernen Geburtshilfe hat sich über viele Jahrzehnte die Praxis der sofortigen Abnabelung (< 60 Sek.) etabliert. Begründungen hierfür waren unter anderem, dass eine rasche Abnabelung zuverlässigere Nabelschnurparameter ermögliche und postpartale Nachblutungen bei der Mutter verhindere. Dies erwies sich jedoch als wissenschaftlich nicht haltbar.

Zeitpunkte

Es bestehen erhebliche Variationen hinsichtlich des Zeitpunkts der Abnabelung. Grundsätzlich wird zwischen drei Vorgehensweisen unterschieden (Kalbér & Kühn, 2019):

  • Sofortabnabelung: Durchtrennung der Nabelschnur unmittelbar nach der Geburt
  • Frühabnabelung: Durchtrennung etwa 1,5 bis 2 Minuten nach der Geburt
  • Spätabnabelung/Auspulsieren: Durchtrennung erst nach dem vollständigen Übertritt des Plazentabluts mit dem Erlöschen des Nabelschnurpulses

Cave! Abzugrenzen ist die Lotus-Geburt, bei der die Nabelschnur unabgeklemmt mit der entwickelten Plazenta am Neugeborenen belassen wird. Studienergebnisse werden hierzu nicht berücksichtigt. Die klinische Bedeutung des Abnabelungszeitpunkts geht dabei weit über die unmittelbare postnatale Adaptation hinaus. Die plazentare Transfusion beeinflusst das Blutvolumen, die Eisenversorgung und die kardiopulmonale Umstellung des Neugeborenen in den ersten Lebensminuten grundlegend (Beller, 2025).

Studienlage

In den vergangenen Jahren hat durch große randomisierte kontrollierte Studien und internationale Leitlinien, die eindeutig zugunsten einer verzögerten Abnabelung sprechen, ein grundlegendes Umdenken eingesetzt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die American Academy of Pediatrics und die AWMF empfehlen heute ein verzögertes Abnabeln von mindestens 1 bis 3 Minuten nach der Geburt (Stichtenoth et al., 2022; Kalbér & Kühn, 2019).

Aktuelle Studienansätze wenden sich zunehmend von einem strikt festgelegten Zeitpunkt des Abnabelns ab. Der Fokus liegt vielmehr auf einem sogenannten „physiological based"-Ansatz zur Abnabelung. Demnach sollte die Durchtrennung der Nabelschnur vorzugsweise erst nach der Etablierung einer ausreichenden Belüftung der Lunge erfolgen (Kalbér & Kühn, 2019). Dieser Ansatz berücksichtigt die individuelle Adaptation des Neugeborenen und orientiert sich an physiologischen Kriterien anstelle eines starren Zeitschemas. 

Empfehlungen der AWMF

Entgegen früherer Empfehlung der sofortigen Abnabelung lautet die zentrale Empfehlung der Leitlinie der AWMF: „Spätes Abnabeln erhöht die Erythrozytenmenge und die Eisenspeicher des Neugeborenen. Daher sollte das reife vaginal geborene Neugeborene frühestens nach 1 bis 3 Minuten abgenabelt werden, ohne dass die Nabelschnur zusätzlich ausgestrichen wird. Alternativ kann das Auspulsieren der Nabelschnur abgewartet werden." (Stichtenoth et al., 2022) 

Zum Vorgehen nach einer Sectio caesarea werden in der Leitlinie keine Aussagen getroffen, allerdings sollte der Geburtsmodus nach Einschätzung von Experten kein unterschiedliches Vorgehen begründen. 

Hinsichtlich der Blutgasanalyse aus Nabelschnurblut kann diese auch bei noch intakter Nabelschnur erfolgen, daher besteht kein Argument für eine rasche Abnabelung (Kalbér & Kühn, 2019).

Das Ausstreichen der Nabelschnur

Das Ausstreichen der Nabelschnur (cord milking) ist ein drei- bis fünfmaliges Streichen der Nabelschnur in Richtung des Neugeborenen. Das Verfahren wird insbesondere dann in Betracht gezogen, wenn eine vollständige verzögerte Abnabelung nicht möglich erscheint, das Neugeborene jedoch von einer zusätzlichen Blutvolumenzufuhr profitieren könnte. Die AWMF-Leitlinie weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Abnabelung reifer Neugeborener erfolgt, „ohne dass die Nabelschnur zusätzlich ausgestrichen wird" (Stichtenoth et al., 2022). Evidenzen zeigen ähnliche Vorteile wie beim verzögerten Abnabeln (Gestationsalter < 33. SSW), darunter die Vermeidung von Hirnblutungen und erhöhte Hämoglobin- und Ferritinkonzentrationen, ohne schwerwiegende Nebenwirkungen zu verifizieren, sowie bessere kognitive und sprachliche Entwicklung (Nagano et al., 2018). In einer retrospektiven Analyse deuten Ergebnisse darauf hin, dass atemgestörte und azidotische reife Neugeborene nach raschem Ausstreichen der Nabelschnur seltener Reanimationsmaßnahmen benötigen als diese mit sofortiger Abnabelung (WHO, 2014; Katharina et al., 2018). Cave! Gegenwärtig gibt es keine ausreichende Evidenz, um das Ausstreichen der Nabelschnur eindeutig zu unterstützen oder zu widerlegen (Kalbér & Kühn, 2019).

Nachteile der Sofort- und Frühabnabelung

Die Sofortabnabelung beschneidet die kindlichen Eisenvorräte erheblich, da dem Neugeborenen die physiologische plazentare Transfusion nicht zuteilwird. Dies bedeutet konkret, dass dem Kind ein erheblicher Anteil seines physiologischen Blutvolumens vorenthalten wird, das für die Stabilisierung der postnatalen Hämodynamik essenziell ist. Darüber hinaus gehen Stammzellen und Antioxidantien verloren, die für die zelluläre Reparatur und Adaptation von Bedeutung sind. Die verringerten Eisenvorräte können die frühkindliche Hirnentwicklung negativ beeinflussen, da Eisen für die Myelinisierung der Nervenfasern essenziell ist (Kalbér & Kühn, 2019). Studien zeigen, dass ein frühkindlicher Eisenmangel weltweit eines der häufigsten Nährstoffdefizite darstellt und mit einem schlechteren neurologischen und kognitiven Langzeit-Outcome einhergeht (Andersson et al., 2014).

Vorteile der Spätabnabelung

Wird die Abnabelung verzögert, findet eine autologe Bluttransfusion aus der Plazenta statt, wodurch das Blutvolumen des Neugeborenen um etwa ein Drittel höher ist als bei sofort abgenabelten Kindern. Dieser physiologische Mechanismus der plazentaren Transfusion hat weitreichende Auswirkungen auf die neonatale Adaptation und die kindliche Entwicklung in den ersten Lebensmonaten und darüber hinaus. Der kindliche Eisenspeicher (Ferritin) infolge des höheren neonatalen Blutvolumens ist deutlich aufgefüllt, wodurch die Eisenversorgung in den ersten Lebensmonaten verbessert und Anämien vorgebeugt wird. Im weiteren Verlauf zeigen sich bessere feinmotorische Fähigkeiten und eine höhere Sozialkompetenz. Ursächlich hierfür könnte eine bessere Myelinisierung der Nervenfasern infolge erhöhter Eisenvorräte sein (Kalbér & Kühn, 2019).

Praktische Umsetzung und Lagerung

Das Neugeborene kann unmittelbar nach der Geburt auf die Brust der Mutter gelegt und mit einem vorgewärmten Tuch zugedeckt werden, während die Nabelschnur intakt bleibt (Stichtenoth et al., 2022). Das Abtrocknen und die taktile Stimulation des Kindes können in dieser Position durchgeführt werden, ohne die plazentare Transfusion zu unterbrechen. 

Neugeborenes mit Anpassungsstörungen

Probleme bei der Geburt (Atemnot, verlangsamter Herzschlag, Muskelhypotonie) präsentieren sich häufig ohne Vorwarnung und benötigen unverzüglich eine Erstversorgung (Beller, 2025). Im bisherigen klinischen Standard werden Reanimationsbedürftige Neugeborene unmittelbar abgenabelt und auf einer räumlich getrennten Reanimationseinheit versorgt. Bei diesem Vorgehen verbleiben etwa 20–40 % des fetal-plazentaren Blutes in der Plazenta und stehen dem Neugeborenen nicht zur Verfügung (Kalbér & Kühn, 2019). Die daraus resultierende Hypovolämie und Hypotension sind häufig wichtige Faktoren, die den Reanimationserfolg in Frage stellen. Eine stabilere Hämodynamik könnte hingegen die kardiale und zerebrale Perfusion verbessern und die gefürchteten Folgen hinsichtlich Mortalität und schwerer Langzeitmorbidität reduzieren. Ein neuerer Ansatz besteht in der sogenannten Intact Cord Resuscitation (ICR), bei der die Erstversorgung und gegebenenfalls Reanimation des Neugeborenen bei intakter Nabelschnur erfolgt. ICR kann direkt im Bett der Mutter oder mithilfe einer mobilen Reanimationseinheit durchgeführt werden. In der außerklinischen Geburtshilfe ist ICR bereits weit verbreitet (Beller, 2025).

Beller (2025) untersuchte in einer systematischen Literaturrecherche die Auswirkungen von ICR auf das neonatale Outcome bei deprimierten reifen Neugeborenen. Es zeigte sich, dass ICR zu einem gleichwertigen oder signifikant besseren neonatalen Outcome führt. Mit deutlichen Vorteilen wie früherem Atembeginn, einer schnelleren Erholung, besseren APGAR- und pH-Werten, stabilerer Herzfrequenz, besserer Sauerstoffsättigung, höherem Blutdruck und einer besseren zerebralen Durchblutung. Neugeborene, die bei der Erstversorgung an der intakten Nabelschnur verblieben, zeigten zudem seltener einen Reanimationsbedarf.

Frühgeborene

Eine zentrale Herausforderung bei der verzögerten Abnabelung von Frühgeborenen stellt die Thermostabilität dar, welche in jedem Fall gesichert sein sollte. Die europäischen Konsensus-Guidelines empfehlen eine Abnabelung frühestens nach 1 Minute (Sweet et al., 2019). Eine verzögerte Abnabelung bis zur postnatalen Lungenbelüftung könnte zu einer sanfteren perinatalen Adaptation ohne signifikante Blutdruckschwankungen führen. Mortalitätssenkung, die verbesserte zerebrale Perfusion und die reduzierte Rate an Hirnblutungen und nekrotisierender Enterokolitis unterstreichen die klinische Relevanz der verzögerten Abnabelung in dieser besonders vulnerablen Patientengruppe. Dies setzt voraus, dass spezialisierte Reanimationsplattformen in unmittelbarer Nähe zur Mutter bestehen, ohne das Risiko einer Hypothermie zu erhöhen (Kalbér & Kühn, 2019).

Status quo und Ausblick

Trotz der überzeugenden Evidenz stößt die konsequente Umsetzung der Spätabnabelung in der klinischen Praxis auf verschiedene Hindernisse. Im klinischen Alltag bestehen Unsicherheiten hinsichtlich des Zeitmanagements, insbesondere bei Notkaiserschnitten oder Geburten mit unvorhergesehenen Komplikationen, bei denen der Zeitdruck eine abwartende Haltung erschwert. Zudem fehlt es in vielen Einrichtungen an der notwendigen Infrastruktur, etwa mobilen Reanimationseinheiten, die eine Erstversorgung bei intakter Nabelschnur ermöglichen. Die Schulung aller beteiligten Berufsgruppen erfordert zudem kontinuierliche Fortbildungsmaßnahmen. Die Eltern sollten bereits im Rahmen der Schwangerenvorsorge über die Bedeutung des Abnabelungszeitpunkts informiert werden. Eine frühzeitige Abnabelung sollte nur nach strenger Indikation erfolgen, wenn es für die Versorgung von Mutter und Kind notwendig ist. 

Quellen:
Andersson O, Domellöf M et al. Effect of delayed vs early umbilical cord clamping on iron status and neurodevelopment at age 12 months: a randomized clinical trial. JAMA Pediatr 2014; 168: 547–554. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2013.4639

Beller, M. (2025). Erstversorgung an der intakten Nabelschnur bei deprimierten reifen Neugeborenen. Zeitschrift für Hebammenwissenschaft 1/2025

Kalbér A, Kühn T (2019). Verzögertes Abnabeln – Frauen kompetent beraten. Die Hebamme 2019;32:23-31.

Katheria A, Garey D et al. (2018). A randomized clinical trial of umbilical cord milking vs delayed cord clamping in preterm infants: neurodevelopmental outcomes at 22–26 months of corrected age. J Pediatr. 2018; 194: 76–80. DOI: 10.1016/j.jpeds.2017.10.037 

Nagano N, Saito M et al. Benefits of umbilical cord milking versus delayed cord clamping on neonatal outcomes in preterm infants: A systematic review and meta-analysis. PLoS One 2018; 13(8): e0201528. DOI: 10.1371/journal.pone.0201528

Steininger, I (2020). Abnabeln und Erstversorgung des Neugeborenen. In: Stiefel A, Brendel K, Bauer NH: Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf. Thieme Verlag, 563–572.

Stichtenoth G, Herting E et al. (2022). Betreuung von Neugeborenen in der Geburtsklinik. AWMF online. https://register.awmf.org/assets/guidelines/024-005l_S2k_Betreuung-von-Neugeborenen-in-der-Geburtsklinik_2022-01-abgelaufen.pdf

Sweet DG, Carnielli V et al. European Consensus Guidelines on the Management of Respiratory Distress Syndrome 2019 Update. Neonatology 2019;115:432–450. DOI: 10.1159/000499361

WHO Guideline (Stand 2014). Delayed umbilical cord clamping for improved maternal and infant health and nutrition outcomes. https: //www.who.int/nutrition/publications/guidelines/cord_clamping/en/

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