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Maternale psychische Gesundheit in den ersten 1000 Tagen

Was Frauen belastet und was ihnen hilft

04.2026
Von Lara Mönter, B.Sc. Hebammenwissenschaften & Hebamme 

Die ersten 1000 Tage (von Beginn der Schwangerschaft bis zum zweiten Geburtstag des Kindes) stellen eine besonders sensible Phase für die psychische Gesundheit von Müttern dar. Eine aktuelle Überblicksarbeit über 43 Reviews zeigt, dass mütterlicher Stress und Angst in dieser Zeit weitreichende Folgen für die Gesundheit von Mutter und Kind haben. Beispielsweise steigt für die Mutter das Risiko für psychische Erkrankungen, eine reduzierte Lebensqualität und ungünstiges Gesundheitsverhalten. Für das Kind steigt z. B. das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten und eine verminderte kognitive Entwicklung. Darüber hinaus besteht eine Assoziation mit langfristigen Gesundheitsrisiken. Für Hebammen ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Belastungsfaktoren frühzeitig erkennen und evidenzbasiert begleiten.

Zentrale Erkenntnisse des Reviews

Die Überblicksarbeit von Matvienko-Sikar et al. (2025) analysiert systematisch Einflussfaktoren auf maternalen Stress und Angst und entwickelt auf Basis von sozial-ökologischen und Diathese-Stress-Modellen ein Rahmenkonzept für Interventionen. Dabei unterscheiden die Autoren zwischen veränderbaren und nicht veränderbaren Einflussfaktoren:

Veränderbare Einflussfaktoren

Die stärkste Evidenz zeigte sich für zwei zentrale Bereiche:

  1. Bestehende psychische Belastungen. Vorbestehende psychische Erkrankungen oder eine erhöhte psychische Belastung gehören zu den wichtigsten beeinflussbaren Faktoren für Stress und Angst in den ersten 1000 Tagen.
  2. Interpersonelle Faktoren, insbesondere soziale Unterstützung. Mehrere der eingeschlossenen Reviews weisen darauf hin, dass soziale Unterstützung mit geringer psychischer Belastung assoziiert ist. Fehlende Unterstützung erhöht das Risiko für Stress und Angst deutlich.

Hinzu kommen weitere veränderbare Einflussfaktoren, für die eine moderate Evidenz gefunden wurde:

  1. Soziale Normen und Stigmatisierung (z. B. Tabuisierung psychischer Belastung)
  2. Gesundheitsverhalten (z. B. Schlaf, Bewegung)
  3. Erwartungen und Einstellungen (z. B. unrealistische Vorstellungen von Mutterschaft)

Nicht veränderbare Einflussfaktoren

Diese Faktoren können nicht direkt verändert werden, müssen aber bei der Betreuung unbedingt berücksichtigt werden:

  1. Soziodemografische Faktoren. Dazu zählen z. B. Alter, sozioökonomischer Status und Bildungsniveau.
  2. Lebensgeschichte. Frühere belastende Erfahrungen oder Traumata erhöhen die Vulnerabilität für psychische Belastungen.
  3. Maternale Gesundheit und geburtsbezogene Faktoren. Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt sowie körperliche Erkrankungen spielen eine wichtige Rolle.
  4. Interpersonelle und kindbezogene Faktoren. Auch schwierige Partnerschaften oder herausfordernde kindliche Faktoren (z. B. Regulationsstörungen) beeinflussen die mütterliche psychische Gesundheit.

Das entwickelte Modell

Das Review betont, dass Stress und Angst nicht isoliert entstehen, sondern auf mehreren Ebenen gleichzeitig beeinflusst werden:

  • individuelle Ebene (z. B. psychische Gesundheit, Erwartungen)
  • interpersonelle Ebene (z. B. Partnerschaft, Unterstützung)
  • gesellschaftliche Ebene (z. B. Normen, Stigmata)

Die Ergebnisse des Reviews verdeutlichen, dass die Unterstützung der maternalen psychischen Gesundheit in den ersten 1000 Tagen differenziert betrachtet werden muss. Für die Hebammenpraxis ist insbesondere die Unterscheidung zwischen beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Faktoren hilfreich, da sich daraus unterschiedliche Handlungsebenen ergeben.

Beeinflussbare Faktoren: Ansatzpunkte für aktive Intervention

Ein zentraler Teil der Hebammenarbeit liegt im gezielten Ansetzen an beeinflussbaren Faktoren. Besonders relevant für die Arbeit mit den Frauen sind die beeinflussbaren Faktoren wie zum Beispiel bestehende psychische Belastungen sowie die Verfügbarkeit sozialer Unterstützung. Da diese Faktoren im Review als besonders einflussreich beschrieben werden, ist es erforderlich, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen, aktiv anzusprechen und wenn nötig interprofessionell zu arbeiten bzw. die Frau an geeignete Fachpersonen weiterzuleiten.

Ebenso relevant ist die Förderung der Unterstützungsstrukturen der Frau. Hebammen können hier aktiv dazu beitragen, vorhandene Ressourcen sichtbar zu machen, Partner einzubeziehen und Frauen bei der Anbindung an unterstützende Netzwerke oder Angebote zu begleiten.

Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass auch Einstellungen, Erwartungen und gesellschaftliche Normen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben. Durch Aufklärung, Enttabuisierung und das Vermitteln realistischer Vorstellungen von Elternschaft kann präventiv auf Stress und Überforderung eingewirkt werden.

Auch gesundheitsbezogene Verhaltensweisen wie Erholung, Schlaf und Selbstfürsorge stellen wichtige Ansatzpunkte dar. Hier kann eine konkrete Anleitung und Priorisierung der mütterlichen Bedürfnisse unterstützend wirken.

Nicht beeinflussbare Faktoren: Grundlage für individuelle Anpassung der Betreuung

Soziodemografische Rahmenbedingungen, biografische Belastungen, die medizinische Vorgeschichte oder geburtsbezogene Erfahrungen lassen sich nicht verändern, sind jedoch für die Einschätzung des Unterstützungsbedarfs von zentraler Bedeutung.

Eine umfassende Anamneseerhebung ist hierfür wichtig, um eine mögliche erhöhte Vulnerabilität zu verstehen. Frauen mit entsprechenden Belastungen benötigen häufig eine engmaschigere Begleitung und gegebenenfalls eine frühzeitige interdisziplinäre Einbindung weiterer Fachpersonen.

Auch interpersonelle Belastungen, beispielsweise in der Partnerschaft, sowie herausfordernde kindliche Faktoren sollten in diesem Kontext berücksichtigt werden. Sie stellen keine direkten Ansatzpunkte für Veränderung dar, beeinflussen jedoch maßgeblich die Belastungssituation der Mutter und damit den Unterstützungsbedarf.

Zusammenführung beider Ebenen in der Praxis

Für eine wirksame Unterstützung ist es entscheidend, beide Ebenen zusammenzuführen: Während beeinflussbare Faktoren konkrete Interventionsmöglichkeiten bieten, ermöglichen nicht beeinflussbare Faktoren eine differenzierte Risikoabschätzung und Priorisierung während der Betreuung.

Aufgrund des intensiven und auch oft vertrauten Kontaktes zwischen Hebamme und Frau können Hebammen die Belastungen der Frau frühzeitig wahrnehmen. Insgesamt zeigt der Review somit die Bedeutung einer individualisierten, ressourcenorientierten und zugleich sensiblen Betreuung durch die Hebamme, die sowohl Risiken als auch Potenziale gleichermaßen in den Blick nehmen kann.

Quelle

Matvienko-Sikar, K., van Dijk, W., Dockray, S., Leahy-Warren, P. (2025). Modifiable and vulnerability factors for maternal stress and anxiety in the first 1000 days: An umbrella review and framework. Woman and Birth, 38(4). DOI: 10.1016/j.wombi.2025.101941

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