Gestationsdiabetes und Neugeborenengelbsucht - Ein oft unterschätzter Zusammenhang
04.2026
Von Alexandra Lesmann, Hebamme und Diplom-Ökotrophologin
Eine gute Blutzuckereinstellung in der Schwangerschaft ist entscheidend für die Gesundheit von Mutter und Kind. In der klinischen Praxis liegt der Fokus dabei häufig auf bekannten Risiken wie Makrosomie oder neonataler Hypoglykämie. Weniger präsent ist der Zusammenhang zwischen Gestationsdiabetes und einem erhöhten Risiko für Hyperbilirubinämie beim Neugeborenen. Aktuelle Daten zeigen, dass gerade dieser Zusammenhang in der täglichen Praxis noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Unterschiedliche Risikoverteilung
Neugeborene von Müttern mit Gestationsdiabetes haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer behandlungsbedürftigen Hyperbilirubinämie. Studien zeigen, dass etwa 7,5 % dieser Kinder im Verlauf eine Phototherapie benötigen. Die American Academy of Pediatrics (AAP) benennt makrosome Neugeborene einer diabetischen Mutter ausdrücklich als Risikokonstellation. Dabei scheint das Risiko nicht für alle Kinder gleichermaßen erhöht zu sein. Besonders relevant sind frühe Diagnosen eines Gestationsdiabetes sowie das Vorliegen einer Polyzythämie.
Die Ursachen dahinter sind komplex und greifen an mehreren Stellen ineinander. Eine maternale Hyperglykämie führt zu einer fetalen Hyperinsulinämie. Diese begünstigt wiederum eine intrauterine Hypoxämie. Als kompensatorische Reaktion kommt es zu einer vermehrten Bildung von Erythrozyten, also zu einer Polyzythämie. Nach der Geburt werden diese vermehrt abgebaut, wodurch eine erhöhte Bilirubinproduktion entsteht. Dieser Mechanismus erklärt, warum insbesondere bestimmte Kinder von Müttern mit Gestationsdiabetes ein erhöhtes Risiko für eine ausgeprägte Neugeborenengelbsucht aufweisen.
Hebammenbetreuung
Für die Hebammenbetreuung ist die Dynamik des Bilirubinanstiegs besonders wichtig. Eine aktuelle Studie von Zanardo et al. (2023) zeigt, dass Neugeborene von Müttern mit Gestationsdiabetes in den ersten 48 Lebensstunden einen deutlich stärkeren Anstieg des Serum-Bilirubins entwickeln. Gleichzeitig können die Nabelschnurwerte aber unauffällig oder sogar niedriger sein als bei Kontrollkindern. Ein scheinbar unauffälliger Ausgangsbefund sollte daher nicht zu einer falschen Sicherheit führen.
Die visuelle Beurteilung des Ikterus bleibt auch im klinischen Alltag ein wichtiger Bestandteil der Erstbeurteilung. Allerdings ist sie in ihrer Aussagekraft begrenzt. Deshalb sollte bei Risikokonstellationen frühzeitig eine objektive Messung mittels transkutaner oder serologischer Bilirubinbestimmung durchgeführt werden. Die aktuelle AAP-Leitlinie empfiehlt bei Neugeborenen ab 35 Schwangerschaftswochen mindestens eine Bilirubinmessung zwischen 24 und 48 Lebensstunden oder vor der Entlassung, je nachdem, was früher eintritt. Eine serologische Bestimmung ist angezeigt, wenn der transkutane Wert bei 15 mg/dl oder höher liegt oder sich bis auf 3 mg/dl an die Phototherapieschwelle annähert. Auch ein rascher Bilirubinanstieg sollte aufmerksam machen. In den ersten 24 Lebensstunden gilt ein Anstieg von 0,3 mg/dl pro Stunde als verdächtig. Danach gilt dies ab 0,2 mg/dl pro Stunde.
Stillberatung
In den ersten Lebenstagen kann eine unzureichende Nahrungsaufnahme zu einer frühen Hyperbilirubinämie führen, die typischerweise zwischen dem 3. und 5. Lebenstag sichtbar wird. Diese Konstellation ist meist mit einer nicht optimalen Milchaufnahme verbunden und damit prinzipiell beeinflussbar. Davon zu unterscheiden ist eine später persistierende Form bei guter Nahrungsaufnahme und altersentsprechender Gewichtsentwicklung. Für die Prävention im Wochenbett ist vor allem die erste Situation von Bedeutung. Die AAP empfiehlt mindestens acht Stillmahlzeiten in 24 Stunden. Ein früher Stillbeginn sowie häufige Stillmahlzeiten fördern die enterale Bilirubinausscheidung und wirken damit schützend. Zumindest in meiner täglichen Praxis zeigt sich immer wieder, dass einige Eltern die Bedeutung dieser frühen Stillphase unterschätzen. Eine gezielte Aufklärung und gute Stillunterstützung können hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Quellen
Kemper AR et al (2022). Clinical Practice Guideline Revision: Management of Hyperbilirubinemia in the Newborn Infant 35 or More Weeks of Gestation. Pediatrics 2022;150(3). DOI: 10.1542/peds.2022-058859
Perrine SP et al. (1986) Insulin Stimulates Cord Blood Erythroid Progenitor Growth: Evidence for an Aetiological Role in Neonatal Polycythaemia. Br J Haematol 1986;64(3):503-11. DOI: 10.1111/j.1365-2141.1986.tb02206.x
Thevarajah A, Simmons D (2019). Risk Factors and Outcomes for Neonatal Hypoglycaemia and Neonatal Hyperbilirubinaemia in Pregnancies Complicated by Gestational Diabetes Mellitus: A Single Centre Retrospective 3-Year Review. Diabet Med 2019;36(9):1109-1117. DOI: 10.1111/dme.13962
Zanardo V et al. (2023). Trajectory of Serum Bilirubin in Offspring of Women with Gestational Diabetes Mellitus. Diabetes Res Clin Pract 2023;200:110643. DOI: 10.1016/j.diabres.2023.110643
Zinabu E et al. (2025). Hematological Parameters of Newborns From Diabetic Mothers in Gandhi Memorial Hospital, Addis Ababa, Ethiopia. PLoS One. 2025;20(5). DOI: 10.1371/journal.pone.0324163