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Beckenbodengesundheit: Inzidenz, Risikofaktoren und evidenzbasierte Prävention von Beckenbodenverletzungen

04.2026
Von Lara Mönter, B.Sc. Hebammenwissenschaften & Hebamme

Die Inzidenz von Beckenbodenfunktionsstörungen ist hoch. Jedoch wird die maternale Morbidität in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt. Die aktuelle Studienlage zeigt, dass sowohl strukturelle als auch funktionelle Schäden nach vaginaler Geburt häufig auftreten und langfristige Konsequenzen für die betroffenen Frauen bedeuten (Thom & Rortveit, 2011).

Inzidenz von strukturellen Verletzungen

Geburtsbedingte Traumata betreffen insbesondere den analen Sphinkterapparat und den Musculus levator ani. Die Inzidenz von Obstetric Anal Sphincter Injuries (OASI) liegt je nach Quelle zwischen etwa 1,9 % und 10,2 % der vaginalen Geburten (Dudding et al., 2008; Laine et al., 2012). Diese Verletzungen sind klinisch sehr relevant, da sie mit langfristigen Beschwerden wie Stuhlinkontinenz und Schmerzen assoziiert sind (Rogers et al., 2014).

Darüber hinaus zeigen bildgebende Studien, dass Levator-ani-Traumata bei bis zu 36 % der Frauen nach vaginaler Geburt auftreten (Dietz & Lanzarone, 2005). Diese Verletzungen bleiben häufig unentdeckt und sind mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Organprolapses verbunden (Hilde et al., 2022).

Langzeitfolgen und funktionelle Einschränkungen

Die Langzeitfolgen umfassen insbesondere Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz und Absenkung von Organen bis hin zum Prolaps. Studien zeigen, dass etwa 25–45 % der Frauen im Laufe ihres Lebens von Harninkontinenz betroffen sind, mit einem deutlichen Anstieg während und nach der Schwangerschaft (Thom & Rortveit, 2011; Wesnes et al., 2007). Etwa ein Drittel der Frauen sind im ersten Jahr nach Geburt betroffen (Beamish et al., 2025). Verletzungen des Musculus levator ani stellen dabei einen wichtigen Prädiktor für die spätere Entwicklung eines Organprolapses und reduzierte Beckenbodenfunktion dar (Shek & Dietz, 2009).

Risikofaktoren für Beckenbodenverletzungen

Die Entstehung von Beckenbodenverletzungen ist multifaktoriell. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen operative vaginale Entbindungen, insbesondere Zangengeburt, sowie eine prolongierte Austreibungsphase (Dudding et al., 2008). Weitere relevante Faktoren sind ein erhöhtes maternales Alter, ein hohes Geburtsgewicht sowie höhergradige Dammverletzungen (Laine et al., 2012). 

Evidenzbasierte Prävention

Beckenbodentraining kann die Inzidenz postpartaler Harninkontinenz um etwa 37 % und möglicherweise auch das Risiko für Organprolaps reduzieren (Beamish et al., 2025). Es kann dabei sowohl verbeugend als auch therapeutisch wirksam sein. Eine Metaanalyse von Woodley et al. (2020) zeigt, dass der präventive Effekt von Beckenbodentraining vom Zeitpunkt und der Dauer abhängt. Ein Beginn in der Schwangerschaft, idealerweise ab dem zweiten Trimenon, ist mit einer signifikanten Reduktion postpartaler Inkontinenz assoziiert. Für einen nachhaltigen Effekt sollte das Training über mindestens 12 Wochen regelmäßig durchgeführt werden. Entscheidend sind dabei weniger die Trainingsintensität als vielmehr die korrekte Ansteuerung des Beckenbodens und die Kontinuität des Trainings.

Darüber hinaus spielt die geburtshilfliche Betreuung eine entscheidende Rolle. Eine Reduktion unnötiger Interventionen sowie die Unterstützung des physiologischen Geburtsvorganges können das Risiko für strukturelle Schäden verringern (Dudding et al., 2008). Gleichzeitig ist eine sorgfältige Diagnostik perinealer Verletzungen essenziell, da insbesondere Sphinkterverletzungen häufig übersehen werden (Andrews et al., 2006). 

Implikationen für die Hebammenpraxis

Für die Hebammenpraxis ergibt sich eine zentrale Rolle in der Prävention, Früherkennung und Nachsorge. Neben der Anleitung zu evidenzbasiertem Beckenbodentraining umfasst dies die Aufklärung über Risikofaktoren, die Förderung beckenbodenschonender Geburtspositionen sowie die Sensibilisierung für postpartale Symptome (Mørkved & Bø, 2014).

Eine frühzeitige Identifikation von Risikopatientinnen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit können dazu beitragen, langfristige Funktionsstörungen zu reduzieren (Rogers et al., 2014).

Nach jeder vaginalen Geburt sollte eine rektale Untersuchung stattfinden, um versteckte Sphinkterverletzungen auszuschließen. Spätestens bei unklarem Befund sollte eine zweite erfahrene Fachperson hinzugezogen werden (RCOG, 2015). Zudem sollten Frauen mit Beschwerden, egal in welcher Lebensphase, von dem Fachpersonal ernst genommen werden und an entsprechende Spezialisten weitergeleitet werden.

Fazit

Beckenbodenverletzungen kommen oft vor, sind häufig unerkannt und klinisch hoch relevant. Eine evidenzbasierte Prävention, kombiniert mit einer differenzierten geburtshilflichen Betreuung und einer fachlich fundierten Nachbetreuung, sind entscheidend, um die Beckenbodengesundheit nachhaltig zu fördern und eine langfristige Einschränkung der Lebensqualität zu verhindern.

Quellen

Andrews, V., Sultan, A. et al. (2006). Occult anal sphincter injuries – myth or reality? BJOG, 113(2), 195–200. DOI: 10.1111/j.1471-0528.2006.00799

Beamish, N., Davenport, M. H. et al. (2025). Impact of postpartum exercise on pelvic floor disorders and diastasis recti abdominis: a systematic review and meta-analysis. British Journal of Sports Medicine 59(8), 562-575. DOI: 10.1136/bjsports-2024-108619

Dietz, H. P., Lanzarone, V. (2005). Levator trauma after vaginal delivery. Obstetrics & Gynecology, 106(4),707–712. DOI: 10.1097/01.aog.0000178779.62181.01

Dudding, T. C., Vaizey, C. J., Kamm, M. A. (2008). Obstetric anal sphincter injury: incidence, risk factors, and management. Annals of Surgery, 247(2),224–237. DOI: 10.1097/SLA.0b013e318142cdf4 

Hilde, G., Staer-Jensen, J., Siafarikas, F., Engh, M., Bø, K. (2022). Postpartum pelvic floor muscle training, levator ani avulsion and levator hiatus area: a randomized trial. International Urogynecology Journal 34(2),413-423, DOI:  10.1007/s00192-022-05406-z

Laine, K., Skjeldestad, F. E., Sandvik, L., Staff, A. (2012). Incidence of obstetric anal sphincter injuries after training to protect the perineum: cohort study. BMJ Open 2012;2. DOI: 10.1136/bmjopen-2012-001649

Mørkved, S., Bø, K. (2014). Effect of pelvic floor muscle training during pregnancy and after childbirth on prevention and treatment of urinary incontinence: a systematic review. British Journal of Sports Medicine 48:299–310. DOI: 10.1136/bjsports-2012-091758

Rogers, R. G., Leeman, L. M. et al. (2014). Contribution of the second stage of labour to pelvic floor dysfunction: a prospective cohort comparison of nulliparous women, in: An International Journal of Obstetrics & Gynecology 121(9),1145-1154, DOI: 10.1111/1471-0528.12571

Royal College of Obstetricians & Gynaecologists (RCOG) (2015).  Third- and Fourth-Degree Perineal Tears. Green-top Guideline No.29. www.rcog.org.uk/guidance/browse-all-guidance/green-top-guidelines/third-and-fourth-degree-perineal-tears-management-green-top-guideline-no-29/ zuletzt aufgerufen am 20.04.2026

Shek, K. L., Dietz, H. P. (2009). The effect of childbirth on hiatal dimensions. Obstetrics & Gynecology 113(6), 1272-1278. DOI: 10.1097/AOG.0b013e3181a5ef23 

Thom, D. H., Rortveit, G. (2011). Prevalence of postpartum urinary incontinence: a systematic review. Obstetrics & Gynecology 89(12), 1511-1522. DOI: 10.3109/00016349.2010.526188

Wesnes, S. L., Rortveit, G. et al. (2007). Urinary incontinence during pregnancy. Obstetrics & Gynecology 109(4),922–928. DOI: 10.1097/01.AOG.0000257120.23260.00 

Woodley, S. J., Lawrenson, P. et al. (2020). Pelvic floor muscle training for preventing and treating urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women. Cochrane Database of Systematic Reviews, 5. DOI:  10.1002/14651858.CD007471.pub4

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