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Initialer Gewichtsverlust: Was sagen die Leitlinien? Was sagt die Forschung?

11.2023
Autorin Lara Mönter, B.Sc. Hebammenwissenschaften, Hebamme aus Fiersbach 

Dass ein Neugeborenes nach der Geburt an Körpergewicht verliert, ist physiologisch (WHO, 2013). Doch wie hoch darf dieser Gewichtsverlust sein und ab wann müssen bei reifen Neugeborenen Maßnahmen getroffen werden? Ein Blick auf die aktuell geltenden Leitlinien und einschlägige Studien zeigt unterschiedliche mögliche Herangehensweisen an diese Fragestellung.

Die Leitlinien

Zum Thema initialer Gewichtsverlust post partum existieren mehrere Leitlinien, die in ihren wesentlichen Empfehlungen übereinstimmen. Die AWMF-Leitlinie „Betreuung von Neugeborenen in der Geburtsklinik“ von 2021 beschreibt, dass ein Säugling das Maximum des Gewichtsverlustes meist zwischen dem zweiten und vierten Lebenstag erreicht und im Mittel 3,8 bis 8,6 % des Geburtsgewichtes verliert. Wenn der Gewichtsverlust höher als 10 % ist oder Symptome einer Dehydration vorliegen, soll über weiterführende Diagnostik und Therapie beraten werden. Der Säugling soll täglich entkleidet gewogen werden. Wenn nötig, sollen unterschiedliche Fütterungsmethoden, je nach Erfahrungsstand der betreuenden Fachkraft, verwendet werden (z. B. Löffel, Finger-feeder oder Flasche).

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. empfiehlt eine Abklärung der Ursachen für einen erhöhten Gewichtsverlust beim Kinderarzt, wenn die Gewichtsabnahme 7 % übersteigt, ab dem siebten Lebenstag keine Gewichtszunahme erfolgt ist oder wenn das Geburtsgewicht bis zum 14. Lebenstag noch nicht erreicht ist. Wenn die Ursachen für die auffällige Gewichtsentwicklung nicht behoben werden können, sollen abgepumpte Muttermilch oder Muttermilchersatznahrung zugefüttert werden (Bührer et al., 2014).

Die Nationale Stillkommission am Max Rubner-Institut empfiehlt im Jahr 2008 , dass die Gewichtsentwicklung eines Neugeborenen entlang der WHO-Referenzkurven von 2006 verlaufen soll. Ein Gewichtsverlust von maximal 7 % sei physiologisch. Bei einer Abnahme darüber hinaus müssen Faktoren wie die Milchbildung der Mutter und das Stillverhalten des Kindes evaluiert werden und besonders bei Vorliegen von Krankheitssymptomen und Anzeichen einer Dehydration abgepumpte Muttermilch oder Muttermilchersatznahrung zugefüttert werden.

Stillen – die beste Wahl für Mutter und Kind

Die WHO empfiehlt ausschließliches Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten und Teilstillen neben der Beikost bis zum zweiten Geburtstag des Kindes (WHO, 2011). Doch auch wenn die Stillbereitschaft einer Frau vorliegt, ist der Erfolg maßgeblich von der Unterstützung und der Beratung abhängig, die die Mutter in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt erhält (WHO, 2013). Ein Eingreifen in das sensible System kann zu einem verfrühten Abstillen oder Teilstillen (Muttermilch und Muttermilchersatznahrung) führen.

Studienlage

Um ein erfolgreiches Vollstillen nicht zu gefährden, sollten Eingriffe in die biologische Norm evidenzbasiert und gut begründet sein. Einflussfaktoren wie der Geburtsmodus, Schmerzmittelgabe und Infusionsvolumina unter Geburt werden in den aktuellen Leitlinien wahrscheinlich nicht ausreichend beachtet (Kühn, 2023). 

Ob der Geburtsmodus Sectio und die damit verbundene Flüssigkeitszufuhr unter der Geburt einen Einfluss auf das Geburtsgewicht des Kindes haben, wurde 2018 in einer Studie aus den USA in Form einer retrospektiven Analyse untersucht. In dem untersuchten US-amerikanischen Krankenhaus erhielten ursprünglich 40 % aller Neugeborenen Muttermilchersatznahrung. Bei zwei Drittel dieser Kinder war der Grund für die Zufütterung ein Gewichtsverlust von mehr als 10 %. Das Krankenhaus änderte seine Praxis und nahm bei Sectiogeburt nicht mehr das Geburtsgewicht, sondern das 24-Stunden-Gewicht als Ausgangsgröße für die Berechnung des Gewichtsverlustes. Die Zufütterung von Muttermilchersatznahrung nahm um 40 % ab, ohne dass dies einen negativen Einfluss auf Werte wie den maximalen Gewichtsverlust, die maximalen Bilirubinwerte oder die Klinikaufenthaltsdauer hatte (Deng & McLaren, 2018).

Eine weitere retrospektive Studie aus den USA betrachtete den Gewichtsverlauf von 144.000 Neugeborenen und stellte dabei fest, dass nur 50 % der Kinder das Geburtsgewicht an Tag 10 wieder erreicht haben. 5 % (vaginale Geburt) bis 8 % (Sectiogeburt) der in der Studie eingeschlossenen Neugeborenen brauchten zwei bis drei Wochen, um ihr Geburtsgewicht zu erreichen, einige Neugeborene sogar noch länger. Auffällig war auch hier, dass per Sectio geborene Kinder eine höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen ihr Geburtsgewicht nicht innerhalb des von den Leitlinien empfohlenen Zeitrahmens zu erreichen (Paul et al., 2016).

Fazit: Die Studienlage deutet darauf hin, dass die 10-Prozent-Grenze, die alle Hebammen in ihrer außerklinischen Tätigkeit im Wochenbett begleitet, kritisch betrachtet werden sollte. Ca. 30 % aller Frauen in Deutschland gebären ihr Kind per Sectio. Hinzu kommen möglicherweise noch weitere Kinder nach Spontanpartus, deren Geburtsgewicht von der Gabe von hohen Flüssigkeitsvolumina unter Geburt beeinflusst ist. Wenn die Verabreichung von Flüssigkeit einen Einfluss auf das Geburtsgewicht des Kindes hat, muss eine mögliche Zufütterung mit Säuglingsnahrung hinterfragt werden. Wichtig ist eine Beurteilung des Allgemeinzustandes des Kindes und eine Abwägung, ab welcher Gewichtsabnahme ein Eingriff in die natürliche Stillbeziehung von Mutter und Kind indiziert ist.

Referenzen:

AWMF-Leitlinie (2021). Betreuung von Neugeborenen in der Geburtsklinik. Zugriff unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/024-005l_S2k_Betreuung-von-Neugeborenen-in-der-Geburtsklinik_2022-01.pdf (Zugriff am: 19.11.2023)
Bührer, C., Genzel-Boroviczeny, O., Jochum, F., Kauth, T., Kersting, M., Koletzko, B., Mihatsch, W., Przyrembel, H., Reinehr, T., Zimmer, P. (2014). Ernährung gesunder Säuglinge. Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, in: Monatsschrift Kinderheilkunde, S. 527–538.
Deng, X., McLaren, M. (2018). Using 24-hour weight as reference for weight loss calculation reduces supplementation and promotes EBF in infants born by Cesarean Section, in: Breastfeed Medicine, 13, S. 128–134.
Kühn, T. (2023). Gewichtsentwicklung bei Neugeborenen. Consilium Hebamme, Pädia, Heppenheim.
Nationale Stillkommission (2008). Wie viel soll der Säugling zunehmen? Zugriff unter: https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2008/11/wie_viel_soll_der_saeugling_zunehmen_-11234.html (Zugriff am 19.11.2023)
Paul, I., Schaefer, E., Miller, J., Kuzniewicz, M., Li, S., Walsh, E., Flaherman, V. (2016). Weight Change Nomograms for the First Month After Birth, in: Pediatrics, 138(6).
Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2011). Exclusive breastfeeding for six months best for babies everywhere. WHO, Genf.
Weltgesundheitsorganisation (WHO), UNICEF (2013). Global Strategy for infant and young child feeding. WHO, Genf.