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Neue Studie zur Dauer der Brustfütterung

Autor Dr. Jürgen Hower, Pädiater

Die seit 2003 weltweit geltenden Empfehlungen zur Brustfütterung besagen, dass Mütter ihre Neugeborenen bis zum Alter von 6 Monaten exklusiv und teilweise bis zum Ende des zweiten Lebensjahres stillen sollen. Daten belegen, dass die Realität in den europäischen Ländern trotz vielfältiger Bemühungen, die Stillfreudigkeit zu verbessern, von den Empfehlungen weit entfernt ist. Die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen zeigen, dass Stillen von einer Vielzahl von Faktoren abhängt, dem Alter der Mutter, der Anzahl der Geburten und dem sozio-ökonomischen Status.

In einer aktuellen Studie haben belgische Autoren die Dauer der Brustfütterung und die Faktoren, die mit der exklusiven Brustfütterung verbunden sind, in der französisch sprechenden belgischen Wallonie untersucht. Anamnestische Daten zum Stillen und sozio-demographische Informationen wurden von 525 Müttern retrospektiv erhoben, als deren Kinder zwischen 18 und 24 Monate alt waren.

Mit 3 Monaten wurden 54% der Säuglinge gestillt, davon 41% voll. Mit 6 Monaten stillte noch knapp ein Drittel, davon noch 13 % voll.

  • Eine längere Stilldauer und exklusives Stillen wurde eher bei Müttern beobachtet, die nicht in Belgien geboren waren, und bei denen, die über die WHO-Stillempfehlungen informiert waren.
  • Mütter, denen eine Mutterschaftszeit von > 3 Monaten gewährt wurde, stillten ebenfalls länger.
  • Exklusives Stillen wurde häufiger bei Eltern mit einem höheren Einkommen und bei Müttern, die sich bereits vor der Geburt entschlossen hatten zu stillen, beobachtet.
  • Die Dauer der Brustfütterung hing vom mütterlichen Alter ab, wobei ältere Mütter länger stillten, und davon, ob die Mütter bei der Entlassung von der Säuglingsstation exklusiv gestillt hatten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die pränatale Information zu den Vorteilen des Stillens intensiviert werden sollte. Eine postpartale Zufütterung sollte möglichst vermieden werden. In der Wallonie sind die Stillfrequenz und die Dauer der Mutterschaftszeit die niedrigsten in Europa.

Kommentar von Dr. J. Hower:
Die Ergebnisse dieser Studie belegen, was sich auch in anderen Studien widerspiegelt. Die Compliance mit der Empfehlung der WHO, möglichst die ersten 6 Lebensmonate voll zu stillen, ist in den europäischen Industrie-Ländern, besonders aber in der Wallonie, gering.

In Deutschland wurden erstmals im Rahmen der KiGGS-Studie repräsentative Daten zur Stillfrequenz zwischen 1986 bis 2005 erhoben. Über alle Altersgruppen wurden 77% aller Kinder gestillt. Die Stillfrequenz bei Kindern aus sozial benachteiligten Gruppen, bei Müttern, die rauchten oder sonstige postpartale Probleme mit ihrem Kind hatten, war geringer. Kinder mit Migrationshintergrund wurden häufiger gestillt als Kinder ohne Migrationshintergrund. Die mittlere Dauer der Brustfütterung betrug 6,9 Monate, die der exklusiven Brustfütterung 4,6 Monate. Nur 22% der KiGGS-Population wurde über 6 Monate voll gestillt. Ermutigend an den Ergebnissen ist, dass die im Jahr 2005 geborenen Kinder im Vergleich zu 1986 eine um 8% höhere Stillrate aufwiesen. Vielleicht muss man sich aber trotzdem fragen, ob die Empfehlungen der WHO mit der Lebenswirklichkeit arbeitender Mütter in den entwickelten Ländern immer in Einklang zu bringen sind.

Wenn auch die Muttermilch der Goldstandard der Säuglingsernährung bleibt und Mütter zum Stillen bewegt werden sollten, dürfen wir nicht vergessen, dass auch Kinder von Müttern, die aus einer Vielzahl von Gründen nicht stillen können oder auch wollen, einen Anspruch auf eine hochwertige Säuglingsnahrung haben. Wenn diese Kinder dann auch nicht alle Vorteile der Muttermilch genießen, sollten sie die Möglichkeit haben, sich den mit einer hochwertigen Formula-Milch gestillten Kindern vergleichbar zu entwickeln.

Quellen:
Robert, E et al. Breastfeeding Duration: A Survival Analysis – Data from a Regional Immunization Survey. Biomed Res Int 2014 (epub ahead of print)
World Health Organization, Global Strategy on Infant and Young Child Feeding. World Health Organisation, Geneva, Switzerland, 2003
Yngve, A and M Sjöström. Breastfeeding in countries of the European Union and EFTA: current and proposed recommendations, rationale, prevalence, duration and trends
Lange, C et al. Distribution, duration and temporal trend of breastfeeding in Germany. Results of the German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2007 May-Jun; 50(5-6): 624-633