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Neuralrohrdefekte: Folsäure-Anreicherung von Mehl als Chance

01.2017
Autor Prof. E. Harms, Universitäts-Kinderklinik Münster

In den USA wird seit 1998 grundsätzlich nur mit Folsäure angereichertes Mehl zum Backen verwendet. In Großbritannien – wie auch immer noch in Deutschland und den anderen Ländern der EU – ist dies nicht der Fall. Eine britische Arbeitsgruppe hat nun anhand der Zahlen von acht Fehlbildungsregistern von England und Wales errechnet, wie viele Neuralrohrdefekte (Neuraltubedefect – NTD) von 1991 bis 2012 vermieden worden wären, wenn in Großbritannien das Mehl mit Folsäure wie in den USA angereichert worden wäre [1].

Die Prävalenz von NTD wurde mit 1,28 auf 1.000 Schwangerschaften errechnet, davon wurden 19 % Kinder lebend geboren, 81 % Interruptiones und 0,5 % Spontanaborte und intrauteriner Kindstod ≥ 20 Schwangerschaftswochen.

Die Autoren nahmen aus ihren Berechnungen ungefähr 1/3 der Frauen heraus, die täglich Folsäure einnahmen, und errechneten bei einer Annahme, dass 23 % der verbliebenen NTD durch eine generelle Folsäure-Anreicherung wie in den USA (1,4 μg/100 g Mehl) vermieden worden wären, eine Zahl von ca. 2.000 vermeidbaren NTD seit 1998. Da der protektive Effekt von Folsäure dosisabhängig ist, wäre sogar eine noch größere Anzahl vermeidbar gewesen, wenn man eine stärkere Anreicherung des Mehls wie z.B. in Chile vorgenommen hätte. Ausdrücklich weisen die Autoren darauf hin, dass es keinerlei Hinweise auf eine toxische oder onkogene Wirkung von Folsäure gibt.

Kommentar: Auch hierzulande haben Kinderärzte immer wieder die generelle Anreicherung von Mehl mit Folsäure gefordert, leider ohne Erfolg. Die Situation bezüglich Neuralrohrdefekten dürfte in Deutschland kaum anders als in Großbritannien sein. Die Empfehlung, Frauen mögen stattdessen eben im fortpflanzungsfähigen Alter regelmäßig Folsäure einnehmen, ersetzt die generelle Folsäureanreicherung nicht. Man muss bedenken, dass der Verschluss des Neuralrohrs am 22. bis 28. Tag der Embryogenese stattfindet, ein Zeitpunkt, zu dem eine bestehende Schwangerschaft unter Umständen noch gar nicht realisiert wurde.

Folsäuremangel auf Grund einseitiger Ernährung ist in Deutschland weit verbreitet. Welchen Vorteil Menschen auch ohne Schwangerschaft von einem fortbestehenden Folsäuremangel haben sollen, erschließt sich nicht. Der freundliche Hinweis von Verbraucherschützern, man könne sich ja anders ernähren oder regelmäßig ein Folsäurepräparat einnehmen, geht an der gelebten Wirklichkeit völlig vorbei.

Referenz: [1] Morris JK, Rankin J, Draper ES et al. (2016) Prevention of neural tube defects in the UK: a missed opportunity. Arch Dis Child 101:604–607.