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Mütterliche Stuhlübertragung für Kaiserschnittkinder?

12.2020
Autor Dr. rer. nat. Markus Brüngel

Bei der vaginalen Geburt nimmt das Neugeborene Darm- und Vaginalkeime der Mutter auf. Diese Mikroben besiedeln den Darm des Kindes und schaffen die Grundlage für eine Darmmikrobiota, die für die spätere Gesundheit des Menschen von Bedeutung ist. Nach einer Kaiserschnittgeburt entwickelt sich zunächst eine unterschiedliche, „nicht normale“ Darmmikrobiota. Diese könnte dafür verantwortlich sein, dass das Immunsystem des Säuglings „falsch“ geprägt wird und Kaiserschnittkinder aufgrund dessen ein höheres Risiko tragen, im späteren Leben bestimmte Erkrankungen wie u.a. Allergie, Typ-1-Diabetes oder Übergewicht zu entwickeln.

Finnischen Wissenschaftlern ist es jetzt gelungen, bei Kaiserschnittbabys die Vermehrung normaler Darmkeime zu fördern. Dazu fütterten sie die Säuglinge kurz nach der Geburt einmal mit einer in Muttermilch verdünnten Stuhlprobe der Mutter. Schon nach einer Woche ähnelte die Darmmikrobiota der so behandelten Babys derjenigen vaginal geborener Kinder. Die Forscher betonen, dass die Stuhlproben vor der Verwendung unbedingt auf Krankheitserreger getestet werden müssen. Von den 17 Schwangeren, die an der Studie teilnehmen wollten, wurden aufgrund der Voruntersuchungen nur sieben ausgewählt. Bei den anderen hatten die Mediziner Krankheitserreger – darunter auch B-Streptokokken in Genitalabstrichen – nachgewiesen, die dem Neugeborenen schaden könnten. 

Drei Wochen vor dem geplanten Kaiserschnitt nahmen die Forscher von den Frauen Stuhlproben, die mikrobiologisch analysiert und dann tiefgefroren bis zum Geburtstermin gelagert wurden. Nach der Geburt nahmen die Babys als erste Nahrung die aufgetauten und mit Muttermilch verdünnten Stuhlproben ihrer jeweiligen Mütter zu sich. Mit dieser einmalig durchgeführten „fäkalen Mikroben-Transplantation“ nahmen die Säuglinge im Schnitt sieben Millionen lebende Bakterien auf. Alle Mütter stillten ihre Kinder mindestens zwei Monate lang. Im Zeitraum von zwei Tagen bis drei Monate nach der Geburt analysierten die Mediziner den Bakteriengehalt von Stuhlproben der Babys. Als Vergleich dienten 82 Stuhlproben von unbehandelten Kaiserschnittbabys und vaginal geborenen Babys. 

Ergebnis
Die Säuglinge zeigten im dreimonatigen Untersuchungszeitraum keine behandlungsbedürftigen Krankheitssymptome. In den ersten Tagen nach der Keimübertragung veränderte sich das Artenspektrum der Darmbakterien im Vergleich zur mütterlichen Darmmikrobiota stark. Bei den durch Kaiserschnitt geborenen und nicht behandelten Babys entwickelten sich deutlich weniger Bacteroides- und Bifidobakterien als bei Kindern, die durch vaginale Geburt auf die Welt gekommen waren. Außerdem fanden sich höhere Keimzahlen an Enterokokken, Enterobacterarten und Klebsiellen, die als potenzielle Krankheitserreger gelten. Die Transplantation von mütterlichen Darmbakterien sorgte dafür, dass sich die Darmmikrobiota der Kaiserschnittbabys schon ab dem siebten Lebenstag an die von vaginal Geborenen angenähert hatte. 

Kommentar
Dieses neue beschriebene Verfahren scheint sehr viel effektiver zu sein als das bereits vorgeschlagene „vaginal seeding“. Dabei wurde Säuglingen nach Entbindung durch Kaiserschnitt Vaginalsekret ihrer Mütter verabreicht, was aber die bakterielle Besiedlung des Darms nicht normalisierte. Allerdings ist zu bedenken, dass der Effekt der fäkalen Mikrobentransplantation in dieser Studie nur an sieben Probanden gezeigt werden konnte und in einer größeren Studienpopulation bestätigt werden muss.

Referenzen:
Korpela K, Helve O, Kolho K et al. Maternal Fecal Microbiota Transplantation in Cesarean-Born Infants Rapidly Restores Normal Gut Microbial Development: A Proof-of-Concept Study. Cell Vol. 183, Issue 2: 324–334, October 15, 2020
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