Menü

Warum Säuglinge keinen Honig bekommen dürfen

05.2016
Autor Dr. J. Hower, Pädiater

Mütter führen gelegentlich ihren Säuglingen Honig mit der Nahrung zu, um ihnen damit etwas Gutes zu tun. Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet über einen in Berlin aufgetretenen Fall von Säuglingsbotulismus (SB), der auf die Gefährlichkeit des Honigs im Säuglingsalter (nicht im Kindes- und Erwachsenenalter) hinweist.

Ein drei Monate alter Säugling aus dem Berliner Umland erkrankte nach einem uncharakteristischen Vorstadium akut mit Trinkschwäche, Zeichen einer beginnenden Lähmung der Schluckmuskulatur, Obstipation, Augenmuskellähmung, verringertem Muskeltonus und allgemeiner Schwäche. Das Kind wurde in das örtliche Krankenhaus eingewiesen und am gleichen Tage auf die neonatologische Intensivstation verlegt. Dort entwickelte sich eine Atemlähmung. Unter der Verdachtsdiagnose Säuglingsbotulismus konnte im Stuhl des Kindes Clostridium botulinum (Cb) Typ A nachgewiesen werden. Das schwerkranke Kind wurde maschinell beatmet, erhielt eine Infusionstherapie und eine orale Penizillinbehandlung zur Keimelimination. Es bestanden Bedenken, dass die anhaltende Obstipation die Keimvermehrung und die Bildung von Toxinen begünstigen könnte.

Nach 7-tägiger Behandlung wurden im Stuhl keine Cb mehr nachgewiesen. Eine Antitoxingabe unterblieb. Sie wird bei SB vor allem wegen der Gefahr einer Sensibilisierung gegen artfremdes Serum (Pferd) nicht durchgeführt. Die Funktion der Atemmuskulatur war nach etwa 10 Wochen wiederhergestellt. 4 Monate nach Erkrankungsbeginn musste das Kind immer noch stationär behandelt werden. Es bestanden zu diesem Zeitpunkt noch eine Schwäche der Skelettmuskulatur, eine geringe Einschränkung der Funktion der Augenmuskeln und eine deutliche Behinderung des Schluckvorganges, weshalb das Kind über eine nasogastrale Sonde ernährt werden musste.

Als Überträger des Erregers konnte industriell abgefüllter Bienenhonig ermittelt werden. Das bis dahin gesunde Kind war mit Muttermilch ernährt worden, hatte aber zusätzlich Tee erhalten, der mit Bienenhonig gesüßt war. In einer Probe des verwendeten Honigs wurde Cb nachgewiesen.

Referenz:
Säuglingsbotulismus – selten, aber gefährlich. RKI. Epid Bull 37: 261-262, 1998.

Kommentar: Das Gift von Clostridium botulinum (Cb) führt nach Aufnahme im Darm über den Blutweg zu einer schlaffen Lähmung der Muskulatur und Störung der Erregungsübertragung autonomer Nerven durch irreversible Bindung an cholinerge Synapsen. Verschiedene Varianten des Toxins werden von A-G klassifiziert, wobei die Toxine vom Typ A, B, E und F den humanen Botulismus verursachen.

Mehrere Formen des Botulismus

  • Über die Nahrungsmittelkette übertragener Botulismus, bei dem fertiges Toxin resorbiert wird.
  • Wundbotulismus, bei dem es zur Wundbesiedlung kommt.
  • Säuglingsbotulismus (SB), bei dem Clostridium-Sporen aufgenommen werden, die erst im Säuglingsdarm auskeimen und dort das hochgiftige Toxin bilden.

Der Säuglingsbotulismus ist eine Sonderform des Botulismus, die erstmals 1976 bei Kindern <12 Monaten beschrieben wurde. Die Clostridium Sporen können aus unterschiedlichen Quellen aufgenommen werden. Dazu gehören Erde, Zisternenwasser, Staub und Nahrungsmittel. Honig ist dabei nur eine Möglichkeit. Der Honig selbst wirkt zwar keimtötend, kann aber Sporen enthalten, die im Säuglingsdarm auskeimen können.

Vorkommen/ Krankheitshäufigkeit & Vorkommen der Sporen/ Prävalenz:
Die Anzahl der gemeldeten Botulismus Erkrankungen hat auf Grund der erhöhten Wahrnehmung in den vergangenen Jahren zugenommen. Über SB wird aus allen Kontinenten berichtet. In den europäischen Ländern wurden seit 1993 nur Einzelfälle beschrieben. Neben dem oben geschilderten Fall wurden dem RKI meist ein, manchmal auch zwei Fälle pro Jahr gemeldet. Alle ethnischen Gruppen werden befallen, männliche wie weibliche Säuglinge im gleichen Verhältnis. Ein auffälliges Merkmal des SB ist die Altersverteilung. Etwa 95% aller Fälle treten im Alter zwischen 3 Wochen und 6 Monaten, mit einer Spitze zwischen 2 und 4 Monaten, auf. Damit ähnelt das zeitliche Muster dem plötzlichen Kindstod. Ein Zusammenhang wird vermutet, ohne dass dieser bisher zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.

Da die Sporen beinahe überall in der Umwelt zu finden sind, dürften sie häufig von Kindern aufgenommen werden, ohne dass es zu klinischen Symptomen kommt. Der Darm des Säuglings scheint, besonders anfällig für ein Auskeimen mit der Nahrung aufgenommener, Toxin bildender Clostridium-Sporen zu sein.

In den USA wird jährlich über 75-100 Fälle berichtet. Die Sporen dürften mehrheitlich über Staubpartikel aufgenommen werden. Eltern können jedoch eine Ursache des SB, die für weniger als 5% der Fälle verantwortlich ist, ausschalten:
Kindern unter einem Jahr sollten sie keinen Honig verabreichen!
Honig ist sicher für ältere Kinder und Erwachsene, die, soweit wir wissen, nicht über die Aufnahme von Cb-Sporen erkranken.

Kalifornische Untersucher haben in Stichproben handelsüblichen Honigs in etwa 10% Cb-Sporen nachgewiesen. Da viele Säuglinge den Sporen von Cb ausgesetzt sind, ohne zu erkranken, scheinen, individuelle Risikofaktoren (Ernährung, Mikrobiom) das Erkrankungsrisiko zu beeinflussen. Eine minimale Infektionsdosis ist nicht bekannt. Es wird aufgrund von untersuchtem Honig vermutet, dass 10 bis 100 Sporen für eine Infektion ausreichen können.

Symptome: Nicht immer wird die Infektion klinisch erkannt. Das erste Zeichen für einen SB ist meist eine Obstipation, gefolgt von Trinkschwierigkeiten, Lethargie und Atemlähmung. Leichtere Krankheitsverläufe werden möglicherweise oft übersehen. Die Mortalitätsrate liegt bei 2%.Das Krankheitsbild hält, wie auch in dem berichteten Berliner Fall, oft sehr lange an. Die Säuglinge erholen sich aber meist vollständig.

 

Referenzen:
RKI. Säuglingsbotulismus – selten, aber gefährlich. Epid Bull 37: 261-262, 1998.
U.S. Food & Drug Administration (FDA). Bad Bug Book: Foodborne Pathogenic Microorganisms and Natural Toxins Handbook Clostridium botulinum. Download 10.03.2016.
Deutscher Bundestag. Drucksache 14/6666. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Eva-Maria Kors, Wolfgang Lohmann (Lüdenscheid, Dr. Wolf Bauer weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU. Drucksache 14/6385. Plötzlicher Kindstod durch Botulismus-Erreger Download 10.03.2016.